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„Camp 14- Total control zone“. Von Marc Wiese

hin Dong-Hyuk wird 1983 als Kind zweier Häftlinge in dem nordkoreanischen Umerziehungslager Camp 14 geboren. Er ist politischer Gefangener von Geburt an und weiß nicht, dass es noch eine andere Welt gibt. Erst mit 23 Jahren gelingt ihm die Flucht. Einer der wichtigsten und eindrücklichsten Dokumentarfilme der letzten Jahre. Der Film bekam in diesem Jahr den Grimme-Preis. (Arte, Di 12.05.2015, 02.15 – 04.00 Uhr) 

Die UNO hat Nordkorea schwerster Menschenrechtsverletzungen beschuldigt: Versklavung, Folter, Entwürdigung in Arbeitslagern. Man hat das wissen können, zumindest wenn man sich für Dokumentarfilm interessiert. Der Dokumentarfilmer Marc Wiese hat in seinem Film „Camp 14 – Total Control Zone“ das Schicksal des ehemaligen Lagerinsassen Shin Dong-hyuk dokumentiert. Geboren und aufgewachsen im Lager Kaechong im Norden Nordkoreas, kann er erst mit 23 Jahren fliehen. Er hat Folter erlebt, die Ermordung von Mutter und Bruder mitansehen müssen. Marc Wiese erzählt die Geschichte dieses seelisch und körperlich versehrten Mannes auf eindringliche Weise. Es gibt Momente in diesem Film, wo das Unsagbare auf unerhörte Weise Raum greift und nicht nur der Protagonist mit seinen Gedanken und Erinnerungen allein ist. Es gelingt dem Autor auch, zwei Täter vor die Kamera zu bekommen, ehemalige Wärter, die inzwischen auch in Südkorea leben. Sie schildern nicht nur das Leben im Lager aus ihrer Sicht, sie beglaubigen auch die eigentlich unglaubliche Geschichte von Shin Dong-Hyuk.

Besonders eindringlich ist „Camp 14“ auch wegen der erzählerischen Lösung, die Mark Wiese für die Beschreibung des Lebens im Lager gefunden hat. Er zeigt die erinnerten Szenen aus dem Arbeitslager in animierten Bildern, die der Kölner Art-Designer Ali Soozandeh entwickelt hat. Karge Zeichnungen, Bleistift, Kohle, graue, düstere Atmosphäre, knappe szenische Auflösungen der grauenhaften Geschichten. Spärliche, aber eindringliche Mittel. Wenn die Folterer sich an ihre Arbeit machen, zeigt ein aufsteigender Zigarettenrauchfaden, dass sie es sich dabei grade gemütlich machen. Manche Zeichnungen wiederum erzählen wie Comics eine Szene aus wechselnden Perspektiven, draußen – drinnen, nah – fern.

Marc Wiese löst mit den animierten Bildern das Problem, dass er keine Filmdokumente aus den Arbeitslagern hat – nur eine einzige, heimlich gedrehte Aufnahme eines Verhörs hat er einbauen können. Darüber hinaus leisten die Zeichnungen aber noch ganz anderes. Sie stehen in einem starken Spannungsverhältnis zu den verstörenden Geschichten, die der Protagonist zu erzählen hat. Sie geben seinen Worten und seinem Schweigen die nötige Tiefe, sind weniger Illustration eines Geschehens als Ausdruck seiner Erfahrungen. Gerade die animierten Sequenzen geben dem Film seine besondere Wahrhaftigkeit

In einer der erschütterndsten Szenen erzählt Shin Dong-Hyuk, wie er als Kind Mutter und Bruder verraten hat, weil er es nicht anders wusste, weil es ihm normal schien, weil er Gehorsam gelernt hatte. Er wird verhaftet, inhaftiert und zusammen mit seinem Vater am Tag der Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders freigelassen. In erster Reihe muss er die Hinrichtungen mit ansehen. Mit Mühe nur findet Shin Dong-Hyuk die Worte, die Zeichnungen machen Erleben und Stimmung dieser entsetzlichen Stunde vorstellbar. Die Entlassung aus dem Gefängnis, die Fahrt den Stacheldraht entlang, dann der Hinrichtungsplatz, auf dem schon Hunderte warten: Bilder ohne jede äußere Dramatik. Hier der Galgen, dort das starre Gesicht des Jungen, der nicht gelernt hat, um seine Mutter zu trauern. Schnee fällt und überzieht alles mit großem hellem Schweigen.

 „Camp 14- Total control zone“ von Marc Wiese. Arte, Di 12.05.2015, 02.15 – 04.00 Uhr

 

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