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„Was war links“. Von Andreas Christoph Schmidt

„Was war links“ ist ein groß angelegter Versuch, im Film die Geschichte der studentischen Linken von 68 zu erzählen. Von einem Autor, der zehn Jahre jünger ist. Und mal einer, der nicht der antiautoritären Bewegung nicht jede gesellschaftliche Fehlentwicklung in die Schuhe schiebt. Der SWR hat für den selten wiederholten Film von 2003 am Sonntag früh, 17.05.2015 ein schönes Versteck gefunden. Teil 1 und 2 des Vierteilers ab 09.15 Uhr. Die Frage, was links sei, ist ganz breit gestellt. Ein Lebensgefühl? War es die Rockmusik? War der Minirock links? Oder waren es die gesammelten Werke von Marx und Engels, damals die „blauen Bände“ genannt? Der Autor fragt den Schriftsteller Klaus Theweleit danach. Dieses weitgefächerte Fragen, hier die linke Lebenswelt, dort die blaue Theorie, das zeichnet die Serie aus. Der Autor geht hier sehr viel tiefer, als man es gewohnt ist und in denen der antiautoritären Studentenbewegung so gut wie jede gesellschaftliche Fehlentwicklung in die Schuhe geschoben wurde.

In der ersten Folge schildert der Autor das Entstehen der Studentenbewegung, angefangen bei den Schwabinger Krawallen und stellt die Bewegung in Kontrast zur theoretischen Anstrengung der Kapitalismus-Analyse im SDS. Im zweiten Teil skizziert er die Politisierung der Studenten, ihre Anleihen aus der Dritten Welt, die geplatzten Träume, mit den Arbeitern gemeinsame Sache machen zu können. Im dritten geht es um die Gewalt und die Gewaltdiskussion, die damals geführt wurde und die einen kleinen Teil in die RAF und den Terrorismus geführt hat. Der vierte Teil befasst sich mit dem gespannten Verhältnis zwischen Politik und Kunst, auf der Grundlage der These, dass die Linke paradoxerweise aus Gründen der Gerechtigkeit in der Kunst keinen Verbündeten finden konnte. Und viele Künstler, Walser, Enzensberger, Peter Weiss, erteilten der Kunst damals Absagen.

Interessant an dem Vierteiler: Er hat viele interessante Gesprächspartner. Sie dürfen aussprechen und argumentieren. Vor allem aber hat er in einer tollen Rechercheleistung viele interessante Dokumente ausgegraben. Etwa das APO-Archiv, das noch existiert und auf dem zum Beispiel die Fototafeln zu sehen sind, mit denen der Asta der FU damals widerlegen konnte, dass die Gewalt von den Studenten ausgegangen ist. Sie ging von der Staatsmacht aus, ganz klar bewiesen. Wir sehen, anderes Beispiel, wie Alexander Mitscherlich von einem der Studentenführer, Hans Jürgen Krahl, in einer studentischen Vollversammlung fertig gemacht wurde und hinter her selbst erklärt, Vatermord müsse eben sein. Schmidt nimmt sich die Freiheit für einen frechen, direkten Zugang zu den Fragen, die damals die Linke bewegten. So stößt er Zuschauer immer wieder auf überraschende Zusammenhänge. Zum Beispiel dass der linke Antiamerikanismus von damals in Wirklichkeit ein Pro-Amerikanismus in Schwarz war, ein Internationalismus. Und sie hatten die bessere Musik. Natürlich steckt hinter der Frage „Was war links?“ die eigentliche Frage, was denn heute links sein könnte. Und kommt damit auf die Globalisierung und auf deren Gegner. Eine ungemein anregende und kluge Dokumentation. Fernsehen, bei dem man denken darf.

„Was war links“. Vierteiler von Christoph Andreas Schmidt. SWR, So 17.05.2015, 09.15 Uhr

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