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„Ranga Yogeshwar in Fukushima“.- Von Ranga Yogeshwar.

Die Bilder haben alle noch im Kopf: der Tsunami, der durch die Stadt rast, die Explosionswolke über dem Kernkraftwerk, die Evakuierung tausender Menschen aus der Kernzone des AKW. Seither ist Fukushima wieder weitgehend aus den Nachrichten verschwunden. Ranga Yogeshwar ist mit einem Team dagewesen, ohne Selbstversuche: Er kann auch Reporter. (Phoenix, Mi 11.03.2015, 20.15 – 21.00 Uhr). Als Gastautor schreibt über den Film: Thomas Gehringer.

Das nennt man wohl Sisyphusarbeit: Ein Arbeiter im Schutzanzug schmirgelt mit einer kleinen Drahtbürste an einem Mäuerchen herum. Feiner Staub wirbelt durch die Luft, mit einem Schwamm wird die Mauer an den bearbeiteten Stellen abgewischt. In Handarbeit sollen hier die Folgen der Reaktor-Katastrophe von Fukushima beseitigt werden. Eine bizarre Szene aus der Geisterstadt Tomioka in Japan, gut drei Jahre nachdem ein Erdbeben und der darauffolgende Tsunami zu dem nach Tschernobyl 1986 größten Unfall in der Geschichte der Kernenergie führte. Wie viele Mäuerchen gibt es wohl in Tomioka und in den anderen Orten der „orangenen Zone“? In der Landschaft breiten sich Halden aus schwarzen Säcken aus. Darin der von Zehntausenden Arbeitern abgetragene verseuchte Boden.

Ranga Yogeshwar, der mit seinem Team im Juli und im September 2014 vor Ort war, nannte es bei einem anschließenden Pressetermin „geradezu gespenstisch, wie hier ein Land um den Erhalt der Heimat kämpft“. Schwer beeindruckt war der Moderator und Wissenschaftsjournalist von der „ungeheuren Gewissenhaftigkeit“ der Japaner. Allerdings sprengt die Aufgabe die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft. „Das kriegen sie nicht hin“, sagte Yogeshwar und bezeichnete die Japaner als „scheiternde Helden“.

Im Film bleibt er zurückhaltender – und stärker im Hintergrund, als man es nicht nur wegen des Sendetitels erwarten durfte. Hier sprechen die Bilder häufig genug für sich, und auch wenn Yogeshwar mit seinem Dosimeter nicht selten vor der Kamera von Rüdiger Spott auftaucht, transportiert die Reportage keinen seiner üblichen Selbstversuche, sondern anschauliche Informationen und obendrein eine in der Tat gespenstische Atmosphäre. Es gibt ein paar Grafiken und Animationen, doch Yogeshwar ist weniger faktenkundiger Experte als Reporter, der die Situation vor Ort in Augenschein nehmen und schildern möchte.
Gedreht wurde nicht nur in der „orangenen Zone“, aus der die Menschen evakuiert wurden und wo man sich nur tagsüber für einige Stunden aufhalten darf, sondern auch in der Reaktor-Anlage selbst. Als erstes Team überhaupt habe man sich dort „relativ frei“ bewegen dürfen, betonte Yogeshwar, der sich seit 2011 um eine Drehgenehmigung bei der Betreiberfirma Tepco bemüht hatte. Soll heißen: Bisher seien Journalisten nur in Gruppen über das Gelände gefahren worden. Nun also gibt es Bilder von den verbliebenen Brennstäben im Abklingbecken in Block 4. Oder vom Kontrollraum in Block 1, wo die Verantwortlichen am 11. März 2011 die Explosion in der eigenen Anlage für ein Nachbeben hielten, weil die Anzeigen nicht funktionierten. Yogeshwar kam es dort vor wie im „Gehirn eines Komapatienten“. Zu sehen sind die Zerstörungen, die das Wasser auf dem Gelände anrichtete, und die große Zahl riesiger Tanks, in denen das kontaminierte Wasser gesammelt wird. 800.000 Kubikmeter müssen täglich zur Kühlung der Brennstäbe durch die Anlage gepumpt werden.

Ob das Bildmaterial wirklich so „weltexklusiv“ ist, wie Matthias Kremin, Programmbereichsleiter Kultur und Wissenschaft beim WDR, behauptete, lässt sich schwer nachprüfen. Der Sender jedenfalls war mächtig stolz; Kremin nannte seine eigene Redaktion „die beste in der ARD“. Daran stimmte zumindest, dass Yogeshwar bereits nach der Katastrophe im März 2011 im Fernsehen ein gefragter Mann war, das Thema auch bei „Quarks & Co.“ aufbereitete und nun mit dieser Reportage daran anknüpft. „Die Halbwertszeit der Medien ist relativ kurz“, sagte er. Was er, da manche schon wieder von Laufzeitverlängerung reden würden, für gefährlich hält.

Fukushima Daiichi ist heute ein „gigantischer Industriekomplex“ (Yogeshwar) mit 6000 Arbeitern. Die Schichten dauern allerdings wegen der Strahlung nur zwei Stunden. Yogeshwar, selbst Physiker, hat allerorts fleißig – und häufig hohe Werte – gemessen. Dennoch haben er und sein Team bei den Dreharbeiten in der havarierten Anlage nicht mehr Strahlungsbelastung aufgenommen als während des Hin- und Rückflugs von Deutschland nach Japan. Und Tepco? Der vielfach kritisierte Kraftwerks-Betreiber sei mittlerweile „wahrscheinlich ein anderes Unternehmen“, meint Yogeshwar. Es sei durch den häufigen Kontakt ein gewisses Vertrauensverhältnis entstanden.

Yogeshwar enthält sich im Film eines Kommentars zu Tepco, doch beschönigend wirkt sein Lagebericht, der bisweilen an einen wahr gewordenen Science-Fiction-Albtraum erinnert, keineswegs. Die nächsten Jahre hätten die Sanierer mit dem kontaminierten Wasser zu kämpfen, erst dann beginne der schwerste Teil, sagte er: „Man muss heran an die zerstörten und geschmolzenen Brennstäbe, und das wird Jahrzehnte dauern.“ Der Kampf sei noch lange nicht gewonnen.

„Ranga Yogeshwar in Fukushima“, Phoenix, Mi 11.03.2015, 20.15 – 21.00 Uhr

 

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