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Highlights: Flüchtlinge, Banken und eine Reise ums Schwarze Meer

In dieser Woche, da in Frankfurt die EZB eröffnet wurde und Krawall-Chaoten mal wieder ernsthafte Diskussionen über das Finanzsystem in den Hintergrund drängten, als wären sie extra für diesen Zweck bestellt worden, stehen gleich drei Filme über gerettete und aktive Banken im Programm. Sie liefern seltene Einblicke und eine etwas andere Sicht als der publizistisch-neoliberale Mainstream im Fernsehen sonst.

Der mehrfach preisgekrönte Film „Der Banker – Master of the Universe“ von Marc Bauder basiert auf Erzählungen des ehemaligen Investmentbankers Rainer Voss, schaut hinter die glänzenden Bankhaushochfassaden und gibt Aufschluss über die Allmachtsphantasien einer Branche, die inzwischen ganze Länder zu ruinieren vermag. Hier die Kritik. (NDR, Di 24.04.2015, 00.00 Uhr).

Wie das gehen kann, zeigt Harald Schumanns in der Öffentlichkeit erstaunt wahrgenommener Film über die Arbeit der Troika „Macht ohne Kontrolle“. Eine Recherche, die einen auch ganz irre machen kann, wenn man die öffentlich-rechtlichen TV-Nachrichten dazustellt, in denen nicht ein Fitzelchen von Schumanns Erkenntnissen angekommen zu sein scheint. Hier die Kritik, der Sender greift leider nur zu 45-Minuten-Fassung (rbb, Di 24.03.2015, 22.45 Uhr).

Vor zwei Jahren hat Harald Schumann mit „Staatsgeheimnis Bankenrettung“ schon einmal ein solches Format abgeliefert, in dem er der Frage nachging, ob die Deutschen die Iren oder nicht eher die irischen Steuerzahler die deutschen Banken gerettet haben. Der rbb schickt diesen Film gleich hinterher. Hier die Kritik. (rbb, Di 24.03.2015, 23.30 – 00.30 Uhr)

Schon seit einer Woche im Kino, hier leider verspätet wahrgenommen, aber noch nicht zu spät, eine sehenswerte dokumentarische Beobachtung zu einem stets aktuellen Thema: Flüchtling, Ausländerpolitik. In „Willkommen auf deutsch“ gehen Carsten Rau und Hauke Wendler den konkreten Konflikten in zwei norddeutschen Dörfern im Kreis Harburg nach, emphatisch, vorsichtig, ziemlich aufschlussreich. Hier die Kritik zum Film.

Neu im Kino in dieser Woche „Tristia – Eine Schwarzmeer-Odyssee“ von Stanislaw Mucha. Mucha ist bekannt geworden vor allem über seine Filme über Andy Warhols Herkunft aus Siebenbürgen, „Absolut Warhola“, und über „Die Wahrheit über Dracula“. Stets besonders an Muchas Filmen ist seine Fähigkeit, große Stoffe leicht erzählen zu können, mit einem unbestechlichen Blick auf skurrile Situationen und Menschen zu überraschen und auch keine Pointe auszulassen. Das gilt auch für seine Rundreise um das Schwarze Meer „Tristia“, benannt nach den poetischen Briefen in elegischer Form, die der Dichter Ovid aus seinem Verbannungsort Tomis am Schwarzen Meer in den Jahren 8 bis 12 n. Chr. geschrieben hat. Aber Muchas filmische „Tristia“ ist kein Kulturfeature, sondern eine politische Erkundung über sieben Grenzen hinweg, in Länder und Regionen, in denen unterschiedliche Gesellschaften nebeneinander existieren, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigkeiten, in einer instabilen Region. http://www.tagtraum.de/pages/de/produktionen/dokumentarfilm/175.tristia.htm;

Dann finden sich in dieser Woche einige Filme im Programm, die nicht so oft wiederholt werden und durchaus noch ihre Zuschauer finden dürften. Dazu gehört Niko von Glasows schöner und ironischer Film über behinderte Sportler „Mein Weg nach Olympia“, D 2013. Der Regisseur, selbst ein Contergan-Geschädigter und ausgewiesener Sporthasser, reist mit Sportlern zu den Paralympics in London 2012. Niko von Glasow, humorbegabt und mit der Fähigkeit, scheinbar naive Fragen zu stellen, die mitten in Kopf und Herz einschlagen, lernt selbst aus den Gesprächen eine Menge und fiebert am Ende mit den Sportlern mit, feiert die Sieger, tröstet die Verlierer. (SWR, Mi 25.03.2015, 23.25 – 00.45 Uhr)

Es war ein wirklicher Tabubruch. 1972 stürzt ein Flugzeug mit einer Rugbymannschaft aus Montevideo in den Anden ab. Einige Insassen überleben, werden lange nicht gefunden und bekennen sich nach ihrer Rettung dazu, das Fleisch ihrer Kameraden gegessen zu haben. Der argentinische Regisseur hat die Situation dieser Menschen rekonstruiert, mit den Überlebenden gesprochen und die dramatischen Ereignisse auf dem Andengletscher auf eine Weise nachinszeniert, die gar nichts zu tun hat mit dem sonstigen Laientheater des Re-Enactment, wie wir es aus dem Fernsehen sonst kennen. „Das Wunder der Anden“. Von Gonzalo Arijón. F 2007. ARTE, Mo 23.03. 2015, 01.45 – 03.40 Uhr

Fatih Akin dreht nicht nur Spielfilme, sondern auch Dokumentarfilme. „Müll im Garten Eden“ spielt in Camburnu, dem Heimatdorf der Großeltern des Filmemachers. Als er dort für seinen Spielfilm „Auf der anderen Seite“ drehte, erfuhr er auch von der Mülldeponie, die im dem Dorf am Schwarzen Meer angelegt wurde und sich zu einer Umweltkatastrophe auswuchs. David gegen Goliath – ein kleines Dorf kämpft gegen Bürokratie, Ignoranz, Korruption. Fatih Akin hat einen klassischen Dokumentarfilm gedreht, ohne Kommentar, mit Interviews und einem starken und in schwelgerischen Bildern zelebrierten Sinn für die Schönheit der Landschaft, die hier zugrundegerichtet wird. Aber auch mit einer parteilichen Kamera, mittendrin in den Konflikten, etwa in einer zentralen Szene, in der die Einwohner des Dorfes einige der Verantwortlichen stellen und in eine harte Auseinandersetzung zwingen – ein Film also auch über Zivilcourage und das diesmal nicht vom Tahsin, sondern aus der türkischen Provinz. (Eins Festival, Mi 25.03.2015, 20.45-22.20 Uhr)

Wie die Baumeister das Straßburger Münster bauten und wie jetzt die Kameras dieses Bauwerk für die Zuschauer erobern. Davon erzählt „Die Kathedrale“ von Marc Jampolsky.  Hier die Kritik von Thomas Gehringer. (Arte, Sa 28.03.2015, 20.15 – 21.45 Uhr)

Schnell reagiert hat das Bayrischer Fernsehen und passend zur Grimme-Preisverleihung am 27.3. 2015 in Marl einen der Preisträgerfilme ins Programm genommen, Marc Wieses Film über die Arbeitslager in Nordkorea. Der BR setzt den Film allerdings unter einen anderen Titel. Er heißt hierFlucht aus dem Todeslager – Camp 14/Nordkorea“. (BR, Di 24.03.2015, 22.45 – 00.15 Uhr).

Und last but not least: Hier noch ein Tipp ganz jenseits des Dokumentarischen. Man sollte sich die seltene Wiederbegegnung nicht entgehen lassen mit einem Fernseh-Film von 1965, der für die Wahrnehmung der Naziverbrechen in Deutschland eine große Rolle gespielt hat: „Ein Tag. Bericht aus einem Konzentrationslager – 1939“. von Egon Monk, nach einem Bericht von Gunther R. Lys, der selbst jahrelang politischer Häftling in Sachsenhausen war. Der Film schildert den Ablauf eines Tages in einem deutschen Konzentrationslager im Januar 1939. Er stammt aus einer Zeit, da das Fernsehen noch nicht die riesige Unterhaltungsmaschine war und Fernsehmacher wie Egon Monk das zeitkritische, engagierte Fernsehspiel entwickelten. In einem Interview, das Egon Monk 1963 gab, wurde denn auch der ausdrücklich gesellschaftliche Ansatz unterstrichen, der diese Hamburger Fernsehspielarbeit auszeichnete. „Meine Art von Vergnügen richtet sich auf das Sehen, Betrachten, Beobachten, den Versuch zu analysieren, was in der Gesellschaft vor sich geht“, antwortete Monk auf die Frage nach dem zeitkritischen, engagierten Fernsehspiel, und fuhr fort: „Der ursprüngliche Gedanke unseres Programms ist vielmehr, daß wir mehr interessiert sind an dem, was in der Gesellschaft vor sich geht, als an dem, was im sogenannten Privatleben vor sich geht.“ Einen knappen Überblick übder diese Hamburger Dramaturgie gibt ein Text auf der Website des NDR: http://www.ndr.de/der_ndr/unternehmen/geschichte/Egon-Monk-und-die-Hamburgische-Dramaturgie-des-Fernsehspiels,monk121.html,
„Der Tag – Bericht aus einem Konzentrationslager“ von Egon Monk.( Mo 23.03.2015 23:15 – 00:45 Uhr)

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