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Grimme-Preis für : „Wir waren Rebellen“. Von Katharina von Schroeder und Florian Schewe

Der Südsudan, der jüngste unter den Staaten, ein weit entferntes Land, das einen Neuanfang versucht – und nun doch wieder im Bürgerkrieg versinkt. Ab und zu hören wir davon etwas in den Nachrichten. Die Autoren des Films „Wir waren Rebellen“, haben ihren Protagonisten zwei Jahre lang begleitet. Die Jury beschrieb, was sie gesehen hatte und begründete ihre Entscheidung so:

„Wir waren Rebellen – Krieg und Frieden im Südsudan“ ist eine Momentaufnahme. Nach der Teilung des Sudan im Juli 2011 öffnete sich im Süden ein Fenster der Hoffnung, ein Zeitfenster, in dem aus der Euphorie der Unabhängigkeit und der Aufbruchstimmung ein neuer, erfolgreicher Staat hätte entstehen können. Katharina von Schroeder und Florian Schewe begleiten zwei Jahre lang einen ehemaligen Kindersoldaten und Rebellen, Agel Ring Machar. Sie sind dabei, wenn er bei der Unabhängigkeitsfeier ruft: „Es ist vorbei!“ Wenn er mit der Basketball-Nationalmannschaft Südsudans gegen Uganda verliert. Wenn seine kleine Tochter mit Malaria zum Arzt muss. Wenn er mit dem Geländewagen steckenbleibt und zu Fuß durch den Schlamm zu einem Brunnenprojekt watet. Und wenn er am Ende in Uniform und mit der Waffe in der Hand vor einem Checkpoint sitzt, weil das Fenster der Hoffnung sich schon wieder geschlossen hat und der Krieg zurückgekehrt ist. Auch die Zuschauer sind bei all dem dabei, denn die Kamera nimmt die ganzen anderthalb Stunden hindurch die Perspektive des Begleiters ein. Die Schönheit des Landes, aber auch die Armut, Hoffnung und Verzweiflung, das Rütteln im Auto auf der Schlammpiste, das Wasser in den Schuhen, die gleißende Sonne und das tiefe Schwarz der Nacht – all das macht dieser Dokumentarfilm erlebbar. Und er steht nicht allein. Das Online-Projekt http://www.thetwosudans.com bietet nicht nur Zusatzinformationen über den Sudan, die Protagonisten und die Filmemacher, sondern auch viele kurze Extrafilme.

Begründung:

Zwei Dinge hatten sich Katharina von Schroeder und Florian Schewe vorgenommen, als sie ihren Dokumentarfilm „Wir waren Rebellen“ drehten und schnitten: Verständnis zu wecken für den Südsudan und ein differenziertes Bild dieses Landes zu zeichnen. Beides ist ihnen eindrucksvoll gelungen. Denn sie setzen alles ein, was das Medium Film leisten kann. Der Protagonist Agel Ring Machar ist zugleich Hauptdarsteller, und diese Figur – seine Geschichte, die Menschen, mit denen er zu tun hat – trägt durch den ganzen Film. Seine Vergangenheit als Kindersoldat und Rebell werden sichtbar, als er die Kalaschnikow wie ein Handwerkszeug vorführt. Dass er nach seinen Jahren als Basketballstar in Australien immer ein bisschen exotisch wirkt im eigenen Land, überbrückt die Distanz zwischen den Zuschauern und dem Südsudan.
Die Filmemacher geben den gesamten 95 Minuten eine einheitliche Bildsprache. Die Kamera ist immer eng dran an Machar und dem, was er gerade tut, aber die Perspektive ist fast durchweg weit. Viel von dem, was man sieht, war nicht planbar und wirkt deshalb unmittelbar. Die Bilder erzählen oft eigene Geschichten, während man Machar zuhört, aber ohne dass das eine vom anderen ablenkt. Das liegt auch an der hervorragenden Tonqualität, die bei den Drehbedingungen eine Leistung für sich darstellt. Der Film nimmt sich Zeit, ohne langatmig zu werden, und zwischen Pathos und Verzweiflung zeigt er auch Alltag und Humor. In einer der stärksten Szenen kommt alles zusammen: Machar, der coole, immer schick gekleidete Ex-Basketballer, muss den steckengebliebenen Geländewagen verlassen und mit seinen Turnschuhen durch überschwemmte Wiesen ins nächste Dorf laufen. Dabei hält er eine spontane Rede, die nach Martin Luther King und Barack Obama klingt und die sie zugleich ironisch bricht: „Ich habe einen Traum“, ruft er, während ihm das Wasser um die Knöchel platscht, „eines Tages wird es hier überall Strom geben!“ „Wir sind Rebellen“ zeigt ausschließlich den Südsudan. Und doch erreichen von Schroeder und Schewe am Ende mehr, als nur ein differenziertes Bild dieses Landes zu zeichnen. Denn Hoffnungen scheitern nicht nur dort, Neuanfänge unter schwierigsten Bedingungen gibt es auch woanders. Irak oder Afghanistan zum Beispiel haben eine völlig andere Geschichte, aber wer mit Machar die ersten beiden Jahre Südsudan erlebt hat, wird auch Berichte aus anderen Ländern besser verstehen.

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