Permalink

0

„Wer rettet wen?“ Von Leslie Franke und Herdolor Lorenz

Wer wissen will, warum die Griechen Syriza gewählt haben und wo in den europäischen Bankenkrisen Gewinner und Verlierer sitzen, der kann sich Argumente und Anschauungsmaterial aus dem Dokumentarfilm „Wer rettet wen?“ holen. Der Film ist seit vergangener Woche in ausgewählten Kinos zu sehen.

„Wer rettet wen?“ ist ein Roadmovie durch europäische Krisenländer, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wer denn eigentlich wen gerettet hat? In der weit verbreiteten öffentlichen Meinung sind es jeweils die Deutschen, die mit ihren Milliarden die faulen Südländer retten – in Wirklichkeit haben die griechischen, die irischen, die spanischen Steuerzahler die Großbanken gerettet und sich von ihnen die Schulden erstatten lassen. „Die Retter sind die Täter“ heißt es einmal treffend im Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz (bekannt geworden durch „Water makes money“). Er beginnt seine Rundreise in Griechenland. Größer könnte der Kontrast nicht sein zwischen den Erzählungen griechischer Jugendlicher über ihre Lage und beispielsweise den arroganten Auftritten von Finanzminister Schäuble, der im Fernsehen erklärt, die Griechen sollten sich nicht so anstellen, anderen ginge es noch schlechter.

Auch ins Spanien trifft der Film auf solche Gegensätze. Die Autoren interviewen den spanischen Finanzminister, der triumphierend erzählt, wie viele Angestellte des öffentlichen Dienstes grad wieder entlassen wurden und dass die Privatisierung öffentlicher Güter ein Gottesgeschenk sei. Das sehen jene Spanier anders, die sich für ihre Wohnungen verschuldet haben und nun, da die Immobilienblase geplatzt ist, der Zwangsräumung entgegensehen – die kommunalen Wohnungen gehören jetzt Goldman Sachs. Oder die irischen Steuerzahler, die die Schulden der irischen Banken bei den europäischen Investoren mit starken Einschnitten ins Sozialsystem bezahlt haben – heute verlassen junge Iren in Scharen das Land, weil sie keine Zukunft sehen. Wie in Griechenland. Wie in Spanien.

Die Diagnose ist düster. Der Film zitiert den EZB-Präsidenten Mario Draghi (einst Vize-Präsident von Goldman Sachs) mit dem Satz: „Das europäische Sozialmodell ist Vergangenheit.“ Die Bankenrettung, die immer noch weiter geht, koste zu viel Geld. So hat er es 2012 im Wall Street Journal gesagt.

Was tun? Es fällt dem Film nicht ganz leicht,die Gegenwehr zu formulieren. Gewiss, überall wird demonstriert in Griechenland, in Spanien, in den USA., wir sehen die Bilder auch. Aber von Occupy, die im Film zeitweise in der Chase Manhattan demonstriert, war schon lange nichts zu hören. In Spanien bilden sich Bewegungen gegen die Zwangsenteignungen – wie erfolgreich? Und überführbar in Realpolitik wie derzeit in Griechenland? Der Film schließt seine Reise mit positivem Gestus in Island ab. Dort wurde die Schuldenkrise nicht auf den Schultern der Besitzlosen ausgetragen die ausländischen Gläubiger auch nicht ausbezahlt. Oft formuliert worden sind Forderungen nach einem Schuldenaudit, bei dem Staaten ihre Verbindlichkeiten offenlegen und deren Legitimität prüfen lassen müssen – in Ecuador war schon die Androhung eines solchen Verfahrens erfolgreich.

Der Film ist, natürlich, in all diesen Fragen parteilich, ein klassischer Bewegungsfilm: Wir da unten gegen Die da oben. Er gerät freilich grade in eine Zeit, wo oben und unten sich nicht mehr einfach gegenüberstehen, sondern in den Auseinandersetzungen um Griechenland in den gegensätzlichen Wahrnehmungen tatsächlich aufeinander treffen. Wo der Meinungskampf um die Politik voll entbrannt ist, wo Propagandaschlachten geschlagen werden. Da entsteht ein Bedürfnis nach belastbaren Informationen und handhabbaren Politiken, die der Film, ohne eigenes Verschulden, grade nicht liefern kann.

Als Dokumentarfilm ist „Wer rettet wen?“ lebhaft, aber auch konventionell erzählt. Viele redende Köpfe, Experten, Betroffene. Die sozialen Gegenbewegungen haben längst auch ihre hochqualifizierten Fachleute. Wieso deshalb die Autoren dazu kommen, ausgerechnet den neoliberalen Ökonomen Hans-Werner Sinn zum Kronzeugen zu machen, bleibt ihr Geheimnis. Interviews mit Betroffenen spielen eine wichtige Rolle, situative Interviews etwa mit einer spanischen Familie, die eben gewaltsam aus ihrer Wohnung vertrieben wurde. Oder mit Griechen, die ihr ganzes Sozialleben auf den Kopf stellen mussten.

„Wer rettet wen?“ nennt sich „Film von unten“ auch, weil er über Crowdfunding finanziert worden ist. Zu den Unterstützern zählen Organisationen wie Attac, Greenpeace, LobbyControl oder Oxfam, aber auch ver.di und die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung; einige haben denn auch ihren Auftritt im Film. Die Autoren möchten auch erreichen, dass der Film nicht nur in Kinos gesehen, sondern auch in Kampagnen politischer Organisationen eingeführt wird. Informationen dazu: http://whos-saving-whom.org/index.php/de,

Kommentare sind geschlossen.