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„Meine Tochter Anne Frank“. Doku-Drama von Raymond Ley

Man glaubt es kaum, aber es stimmt: die Geschichte der Anne Frank wurde bisher in Deutschland nicht verfilmt. Und es ist vielleicht gut so, dass es erst jetzt passiert, wo filmkünstlerische Mittel zur Verfügung stehen, die verhindern, dass die allseits lauernde Sentimentalität das Projekt verdirbt. Eine Kritik von Barbara Sichtermann (ARD, 18.2.2015, 20.15)

„Meine Tochter Anne Frank“ von Raymond Ley (Regie), der mit seiner Frau Hannah auch das Buch schrieb, hat das Schicksal der altklugen, vorlauten, hinreißenden Anne vor dem Hintergrund des Menschheitsverbrechens Holocaust als Variante eines Dokudramas umgesetzt, in dem die Spielfilmhandlung, basierend auf Annes berühmtem Tagebuch, immer wieder durch Zeitzeugen-Statements, Archiv-Aufnahmen und eine Seitenhandlung aus den 60ern unterbrochen sowie durch poetisch komponierte Projektionen mit der Tagebuchschreiberin im Vordergrund und historischen Sequenzen im Hintergrund aufgebrochen wird.
Die Unruhe, die so entsteht, entlastet die Macher von dem Übermaß an Emotionalisierung, das sich bei einer gradlinig erzählten Geschichte der vereitelten Hoffnung und des Untergangs kurz vor zwölf einstellen würde, und auch der Zuschauer wird geschont. Er kann, bevor er dem Mädchen und seiner Familie sowie den anderen Versteckten im Hinterhaus auf der Prinsengracht beim Überleben zusieht, nachdenken und sich erinnern und dabei eine Haltung zum Geschehen finden, die den historischen Abstand im Kopf einhält, während sie ihn im Herzen überwindet. Und so kehrt Anne Frank ins Programm zurück – als die Ikone, die sie inzwischen ist, zugleich aber auch als das Mädchen, das sie war: voller Zukunftshoffnung, wissbegierig, ehrgeizig, humorvoll, altersbedingt arrogant und verliebt.
Das Montageprinzip sprengt die Chronologie. Der Film beginnt im Mai 1944 im Versteck, springt dann in den August ’45, als Vater Otto Frank aus Auschwitz heimkehrt. Er weiß jetzt, dass seine Töchter, Anne und die ältere Margot, tot sind. Miep Gies, die Sekretärin und Unterstützerin, hat das Tagebuch gerettet. Sie übergibt es Otto. Jetzt kann die Geschichte mit dem Bezug des Verstecks beginnen, sie endet mit Annes Tod in Bergen-Belsen 1945. Der Korpus der Story beruht ganz auf Annes Tagebuch, er besteht aus den Tagen und Wochen und Jahren im engen Versteck, das acht Personen beherbergt, wird aber immer wieder durch die erwähnten Interviews und Archivsequenzen am linearen Fortlauf gehindert. So funktioniert ein Dokudrama, und hier erweist es seine besondere Stärke: es lehrt uns so manches, aber es lässt uns auch mitfühlen.
Mala Emde spielt Anne sehr überzeugend, da ganz ohne die typische oft schrille Aufmüpfigkeit der zeitgenössischen Jugendlichen, obschon das bei der Figur der Anne naheläge und zu befürchten war. Emde ist eine selbstbewusste, schnippische, aber vor allem ernsthafte Anne. Der Film betont ihre Beziehung zum Vater Otto, den Götz Schubert wunderbar souverän mit leisen Tönen und stiller Verzweiflung gibt. Überhaupt werden die Eingepferchten, neben den Franks die Familie van Pels und der Zahnarzt Dr. Pfeffer, mit ihrer Situation erstaunlich gut fertig – es gibt Zank und Streit, aber auch Versöhnung und Vernunft, all das kommt aus der Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende sei und all der Jammer im Hinterhaus auch. Als das Radio von der Invasion der Alliierten berichtet, sagt Anne in den Jubel hinein, sie wolle einfach nur in „unsere Wohnung“ gehen – die Familie Frank flüchtete 1933 aus Frankfurt nach Amsterdam – und dort herumspazieren.
Eine Nebenhandlung führt im Jahr 1962 nach Wien – dort hat ein Journalist den österreichischen SS-Mann aufgespürt, der einst durch Hinweise von Denunzianten das Versteck fand und die jüdischen Familien abführte. Er hieß Karl Silberbauer und war sich im Nachhinein keiner Schuld bewusst. „Wer interessiert sich denn noch für die Bagage?“ In dieser nachinszenierten Episode spielt Axel Milberg den Interviewer, und sein Gesicht ist ein treffender mimischer Kommentar zu der gruseligen Fühllosigkeit des einstigen Oberscharführers. Er habe das Tagebuch, von dem so viel die Rede sei, auch gelesen, sagt der, denn er habe wissen wollen, ob er darin vorkomme.
Die alten Schulfreunde Anne Franks, die vor kurzem von den Machern aufgespürt und interviewt worden sind, unter anderen eine Hannah Pick-Goslar und ein Abby Rinat, äußern sich kurz und empathisch: Ja, Anne wollte gern von den Jungs beachtet werden, und sie war so lebhaft. Eine Mitschülerin hat die Freundin im KZ noch angetroffen. Auch die Halbschwester eines Denunzianten haben die Filmemacher, hier ganz Dokumentaristen, gefunden und befragt. Dieser Bruder sei in der Tat ein ganz übler Kunde gewesen.
Der historische Otto Frank kommt in Interviews zu seiner Lebenszeit – er war der einzige Überlebende seiner Familie und starb 1980 in Basel – zu Wort. Der Film schließt mit O-Ton Anne Frank (aus ihrem Tagebuch): Sie wolle mehr sein im Leben als nur Hausfrau und Mutter, sie wolle aus ihrem Tagebuch einen Roman machen und es so dazu bringen, dass etwas von ihr fortlebt. Das hat sie erreicht, auch ohne Roman. Und der Film hilft auf seine Art dabei, dass dieses in Wort und Schrift überlebende Mädchen nicht nur nicht vergessen, sondern aufs Neue bewundert werden kann.

„Meine Tochter Anne Frank“. Dokudrama von Raymond Ley. ARD, 18.2.2015, 20.15 – 21.45 Uhr.
Zuerst erschienen in epd medien Nr. 7, 13. 2. 2015

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