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„Gardenia – Wenn der letzte Vorhang fällt“. Von Thomas Wallner

Eine Gruppe von Travestiekünstlern, zwischen 60 und 70 Jahre alt, ein berühmter belgischer Regisseur, der mit ihnen eine international erfolgreiche Show inszeniert– und ein Dokumentarfilm über das schwierige Leben dieser Männer und Frauen. Das wäre ein Film gewesen für die ARD-Woche zur Toleranz. Seit gestern läuft „Gardenia – Wenn der letzte Vorhang fällt“ in den Kinos.

Die Verwandlung vollzieht sich auf offener Bühne. Eine Gruppe von Männern in grauen Anzügen tritt auf. Es ist die letzte Vorstellung, auf der Bühne, aber auch als Thema des Films. „Es geht darum, auf das Ende zuzugehen und dennoch geliebt zu werden“, sagt Vanessa Van Durme im Film. Sie ist Schauspielerin, kam als Junge auf die Welt und hat sich zur Frau umoperieren lassen. Sie ist nicht nur eine der Protagonistinnen der Show, sie hat sie auch entwickelt. Der belgische Regisseur Alain Platel hat sie als Tanz- und Bewegungstheater ohne Worte inszeniert. Zwei Jahre lang war die Truppe mit dieser Inszenierung erfolgreich auf Tournee. Der Film von Thomas Wallner erzählt von der Zeit, da sie zurückkommen nach Gent , ihr normales Leben leben und ihre Geschichten erzählen. Es handelt sich, auf der Bühne wie im Film, um Geschichten von wechselnden Geschlechtsidentitäten, von der nicht enden wollenden Suche nach Liebe und vom Altern.

Vanessa Van Durme, die mit 27 Jahren ihr Leben als Mann beendete, lebte danach 13 Jahre lang als Prostituierte, um die Operation in Marokko abbezahlen zu können. Danilo Povolo prostiuierte sich gleichfalls jahrelang und befeuert heute seine Liebesbeziehung zu einem jüngeren Liebhaber mit Geschenken. Gerrit Becker lebte 26 Jahre seines Lebens als Frau, ohne sich operieren zu lassen, trug danach wieder Männerkleidung und blieb bewusst knapp vierzig Jahren allein. Andrea de Laet entschied sich erst mit 45 Jahren dazu, als Frau zu leben, auch mit Geschlechtsumwandlung. Rudy Suwyns, der älteste Darsteller, verschwieg seine Homosexualität sein Leben lang und outete sich erst mit „Gardenia“. Richard Dierick, „schwul vom Scheitel bis zur Sohle“, wie er selbst sagt, würde gern wieder mit seinem chinesischen Freund zusammenleben, der aber hat einen Sohn, der davon nichts erfahren darf.

Sechs Lebensgeschichten, sechs Lebensläufe, Geschichten von Liebe und Enttäuschung, vom Altwerden, von alternden Körpern und schwindender Attraktion, von gesellschaftlicher Ausgrenzung und vom Mut, nicht aufzugeben. Und, wie eben mit „Gardenia“, etwas Neues auszuprobieren. Regisseur Thomas Wallner über seine Begegnen mit diesen Menschen: „Mit ihrer ewigen fruchtlosen Suche nach Liebe und dem riesigen Schmerz, der damit einhergeht, wenn man anders ist als die anderen, aber dennoch man selbst bleiben muss, weil man tief drinnen genau weiß, wer man ist. Das hat mich tief bewegt und bis heute klingt es noch in mir nach“.

Der Film kombiniert Szenen aus der Show mit Gesprächen mit den Darstellern, nicht backstage, sondern meist in ihrem Zuhause. Immer wieder setzt er übergangslos Szenen aus den beiden Sphären, dem Glamour und den Alltag neben- und gegeneinander. Das Spiel ist Leben, das Leben ist Spiel. Das funktioniert streckenweise sehr elegant, in sehr schönen Montagen, geht aber auf Kosten der Show. Von der Inszenierung hätte man gern etwas mehr gesehen oder besser: im Zusammenhang verstanden. Aber die Kamera hat es darauf abgesehen, aus jedem einzelnen Darsteller einen Star zu machen und umkreist ihn in endlosen Kamerafahrten und Zooms.

So bleibt die Arbeit von Alain Platel und dem Bühnenregisseur Frank van Laecke etwas im Hintergrund und im Gedächtnis bleiben vor allem die stillen, ruhigen Erzählungen der Protagonisten. Sie werden mit großer Selbstverständlichkeit und Wärme geführt, zwischendurch scheint die Härte der Schicksale durch. Einmal attackiert Vanessa Van Durme den Regisseur direkt, als er von ihr wissen will, wie sie als Mann geheißen hat. Das sei nicht wichtig, erregt sie sich, „ich mochte meinen Namen nicht und ich mochte mein Geschlecht nicht. Eine andere Frage bitte.“

„Gardenia – Wenn er letzte Vorhang fällt“ ist seit Donnerstag in den Kinos.

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