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„Carte Blanche“. Von Heidi Specogna

Internationaler Gerichtshof, eine Anklage wird vorbereitet, ein anonymes Bürogebäude, Flure, Akten. Hört sich eigentlich nach einem interessanten Stoff, aber nicht nach guter Verfilmbarkeit an. Ist aber doch sehr gelungen. 

Die Schweizer Regisseurin #Heidi Specogna schildert in ihrem langen #Dokumentarfilm „Carte blanche“ die Arbeit des #Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, wie er grade die Anklage an den kongolesischen Rebellenführer Jean-Pierre Bemba vorbereitet, dessen Milizen Vergewaltigung, Mord und Plünderei vorgeworfen wird. Der Titel „Carte blanche“ erklärt sich aus der weit verbreiteten Taktik von Diktatoren und Truppenführern, nicht unmittelbar zu befehlen, sondern den Killern durch ein Kopfnicken oder eine Nebenbeibemerkung einen Freibrief, eben die „Carte blanche“ zu geben. Parallel zur Arbeit des Gerichts hat die Autorin in der Zentralafrikanischen Republik einige Opfer der marodierenden Milizen aufgesucht.

Der Film arbeitet ähnlich wie das Gericht mit den dokumentarischen Techniken der Beweissicherung und der Augenzeugenschaft. Er bewegt sich in Gegensätzen, Europa und Afrika, Opfer und Täter, formalisierte Gerichtssprache hier, emotionale Sprache des Leidens da. Er begleitet Rechercheure des Gerichtshofs auf den Erkundungen, Staatsanwälte, einen Forensiker. Der Film ist präzise recherchiert und in juristischer Hinsicht eine Gratwanderung. Dennoch ist das keine journalistische Arbeit – sondern ein hoch emotionaler Dokumentarfilm, der die Opfer nicht nach Statements belauert, sondern sie so ins Bild setzt, dass sie ihre verlorene menschliche Würde wieder bekommen. „Carte blanche“ bekam 2011 den 3Sat-Dokumentarfilmpreis.

 

Begründung der 3Sat-Jury 2011
„Carte Blanche“ ist ein Film der Kontraste. Hier der Angeklagte, beschuldigt des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, dort die Opfer dieser Verbrechen. Hier die kühle Architektur des Gerichtsgebäudes in Den Haag, dort die Ärmlichkeit der Lehmhütten in Zentralafrika. Hier die organisierte Langmut juristischer Verfahren, dort der Schrei des Mädchens, dessen Beinwunde nicht heilen will.
Zwischen diesen Polen entwickelt der Film sein politisches Sujet. Er beschreibt das Verfahren, das der Internationale Gerichtshof in Den Haag gegen den kongolesischen Milizenführer Jean-Pierre Bemba vorbereitet. Dessen Truppen hatten 2002-2003 die Zivilbevölkerung terrorisiert, gemordet und vergewaltigt. Der Film verfolgt, wie die Mitarbeiter dieses Gerichts, Staatsanwälte, Ermittler, Forensiker arbeiten, um diese Verbrechen nachzuweisen und welche Motive sie antreiben.
Der Film verfolgt selbst eine Strategie, die jener des Gerichts gleicht: er setzt auf Augenzeugenschaft und Beweissicherung. Ein klassisches dokumentarisches Verfahren. Er zeichnet sich aus durch hartnäckige und präzise Recherche und zugleich durch Parteilichkeit. Heidi Specogna setzt die Opfer in einer Weise ins Bild, die ihnen ihre Würde wieder zurückgibt. In diesen Bildern steckt die Hoffnung, das lange Warten auf Gerechtigkeit möge am Ende belohnt werden.

„Carte Blanche“ von Heidi Specogna. 3SAT, So 09.11.2014, 21.45 bis 23.20 Uhr

Ein Porträt von Heidi Specogna bei swissfilms, Cine-Porträts: http://www.swissfilms.ch/de/information_publications/cine-portraits/#325;

 

 

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