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3Sat dreht durch und Ulrich Seidl dreht auf. Eine volle Woche

.Das Highlight der Woche ist sicherlich, dass der Kultursender 3Sat am Dienstag, den 02.12.2014 einen ganzen Tag lang Dokumentarfilme sendet. Eine Art imposanter Leistungsschau und etwas für Eichhörnchen, die sich mit dem Festplattenrecorder eine Sammlung für die dokumentarfilmarmen Feiertage zulegen können. Die Filme sind durchweg sehenswert. Aber auch ZDF-Kultur spielt in der Liga. Und dazwischen auch noch einige interessante Einzelstücke.

Der Dokumentarfilm-Marathon auf 3Sat beginnt schon ganz früh am Morgen mit „Darwin“ von Nick Brandestini, CH 2011. Ein Film über eine kleine kalifornische Minenstadt, irgendwo im Nirgendwo, was die Sendezeit angeht auch im Nirgendwann (06.15 – 06.50 Uhr)

Danach folgt, immer noch für Frühaufsteher, „Zum Vergleich“ von Harun Farocki, D 2008. Ein Film über Ziegel, über Bauen, über unsere Welt. Hier die Kritik (07.50 – 08.50 Uhr)

Jens Schanze hat zwei Filme über das auf der rheinischen Braunkohle gewachsene und von der Landkarte verschwundene Dorf Otzenrath gedreht, der zweite heißt „Otzenrath 3° kälter“, D 2007. Hier die Kritik. (8.50- 10:15 Uhr)

Die Schweizer Dokumentaristen lieben ihre Bergler und drehen gern überlange Filme über sie. Thomas Horat in „Alpsummer“, CH 2013 hält sich an die Normlänge und erzählt vom Leben auf den Alpen der Innerschweiz. (10.15 – 11.45 Uhr)

Ein Fundstück für Dokumentarfilmfreunde, die diesen großartigen Film mit dem wunderbaren Titel verpasst haben: „Die Frau mit den 5 Elefanten“ von Vadim Jendreyko, D, CH 2009. Die fünf Elefanten, das sind die fünf großen Romane Dostojewskis, die die Übersetzerin Swetlana Geier (1923-2010) geschultert hat. Seither heißt der Roman, den wir unter dem Titel „Schuld und Sühne“ kennen, „Verbrechen und Strafe“. Eine großartige Person, ein Einblick in die intime Tüftelei der Literaturübersetzung und eine Lebensgeschichte, die es in sich hat (11.45 – 13.15 Uhr)

„Geschichten vom Essen“ erzählt Hans-Dieter Grabe, D 2008. Fünf Geschichten über fünf Menschen in fünf Ländern in verschiedenen Epochen. Näheres hier. (13.15.-14.15 Uhr)

Volker Koepp darf in einer solchen Dokumentarfilm-Leistungsschau natürlich nicht fehlen. Diesmal im Programm „Holunderblüte“, D 2007. Der Autor drehte im Kaliningrader Gebiet, einer russischen Exklave, und hat hier Kinder getroffen, die ihm von ihren Problemen, ihren Wünschen und Träumen erzählen. (14.15-15.45 Uhr)

Detlev Gumm und Hans-Georg Ulrich gehörten zu den Dokumentaristen mit dem besonders langen Atem. Am Bundesplatz in Berlin im Wilmersdorfer Kiez haben sie 26 Jahre lange Menschen beobachtet und begleitet, durch politische, gesellschaftliche und private Umbrüche hindurch. 50 Produktionen sind entstanden, darunter 17 lange Dokumentarfilme „Berlin – Ecke Bundesplatz. Vater, Mutter, Kind“ ist der vierte Film der letzten Staffel dieser unglaublichen Reihe, in der Alltägliches und Historisches zusammenfließen. (14.45 – 17.15 Uhr)

Integration ist ein großes gesellschaftliches Thema. Ausländer, die dauerhaft in Deutschland leben wollen, werden zu einem Integrationskurs verpflichtet. Von den Schicksalen einzelner Menschen erzählt Britt Beyer in „Werden Sie Deutscher“, D 2011. (17.15-18.40 Uhr)

Noch ein Film zum Thema Integration, Fremde, Heimkehr. In den sechziger Jahren hatte der koreanische Diktator Chung-Hee Park tausende junger Krankenschwestern nach Deutschland gesandt, um an Devisen zu kommen. Drei dieser Frauen landeten im Vordertaunus, heirateten – und machen sich 30 Jahre später auf den Weg zurück, mit ihren deutschen Ehepartnern und deutschen Stilmöbeln. „Endstation der Sehnsüchte“, ein weiterer Heimatfilm von Sung-Hyung Cho, D 2009 (18.40 – 20.15 Uhr)
Dienstag 02. Dezember

Eine große dokumentarische Trilogie über den Zustand der Welt hat der österreichische Regisseur Erwin Wagenhofer abgeliefert: „We Feed the World“ ist der erste Teil dieser Trilogie, war der erfolgreichste Dokumentarfilm in Österreich und beginnt mit einer unvergesslichen Szene, die zeigt, wieviel Brot in einer Großstadt wie Wien weggeworfen wird, nämlich so viel, dass man davon die Stadt Graz ernähren könnte. A 2005, 20.15 – 21.50 Uhr

Selten bekommt man solch direkten Einblick in Denkweise und Moral jener Investmentbanker, die sich „Master of the Universe“ nennen. Marc Bauder hat in seinem Film „Der Banker – Master of the Universe“, D 2014, einen von ihnen vor der Kamera und er hat einiges zu erzählen. Hier die Kritik. (21.50 – 23.20 Uhr)

Auch der österreichische Regisseur Michael Glawogger hat, auf ganz andere Weise, eine Trilogie vom Zustand der Welt gedreht, „Whore’s glory“, A, D 2011, ist der letzte Teil. Er erzählt von Prostitution in drei Ländern, Thailand, Bangladesh und Mexiko, ein filmisches Tryptichon über in diesem Beruf arbeitende Frauen, ihre Sehnsüchte und Hoffnungen. Michael Glawogger ist im April dieses Jahres bei Dreharbeiten in Liberia im Alter von 54 Jahren ums Leben gekommen. (23.20 – 01.15 Uhr)

Der Schlusspunkt des Abends gehört dem Regisseur Heinz Emigholz und dreien seiner Architekturfilme: „ Parabeton – Pier Luigi Nervi und römischer Beton“ D 2011, (01.15 – 02.55 Uhr). „Perret in Frankreich und Algerien“, D 2012 (02.55 – 04.25 Uhr) und
The Airstrip“, D 2013 (04.25 – 06.15 Uhr)

Damit macht 3Sat die 24 Stunden dieses außergewöhnlichen Dokumentarfilmtages rund.

 

Themenblock auf ZDF-Kultur

Zu allem Überfluss legt auch ZDF-Kultur einen Tag später, am Mittwoch, den 03.12.2014, eine, wenn auch kleinere, Sammlung von Dokumentarfilmen zum Thema Hunger und Nichthunger vor.

Der Themenblock startet mit dem seinerzeit im Kino sehr erfolgreichen Film „Super Size me“ von Morgan Spurlock, USA 2003, in dem der Autor sich einer Fastfood-Kur unterzieht. (20.15 – 21.55 Uhr) Danach folgt „Hunger – Du bist was du isst. Essen macht glücklich“ von Milka Pavlicevic und Andre Schäfer, D 2010. (21.55 – 23.15 Uhr). Der Themenblock wird abgeschlossen durch den bilderstarken eindrücklichen Film „Unser täglich Brot“ von Nikolaus Geyrhalter – ein Muss für alle, die den Film noch nicht gesehen haben. A 2005. Hier die Kritik (23.25 – 00.45 Uhr)

Schließlich noch einige empfehlenswerte Einzelstücke. 3 Sat hat am Montag, den 1.12. nachts „Auf der Suche nach dem Gedächtnis – Der Hirnforscher Eric Kandel“ von Petra Seeger angesetzt, D 2007. Der Film lief erfolgreich in den Kinos. Er erzählt die Geschichte eines Wissenschaftlers, der die langfristige Erinnerung erforscht hat und dessen wissenschaftliche Leistung eng mit seiner Lebensgeschichte als Jude und Emigrant verbunden ist. 3Sat, 1.12.2014, 00.45 – 02.30 Uhr.

Der MDR zeigt einen der dichtesten und erschütterndsten Filme der letzten Jahre, „Camp 14 – Total Control Zone“ von Marc Wiese. Eine Geschichte aus Nordkorea. Hier die Kritik. MDR, 07.12.2014, 223.05 – 00.45 Uhr.

„Meisterdiebe im Diamentenfieber“ ist eine sehr vom Charme  intelligenter Krimineller gezeichnete Geschichte einer sehr erfolgreichen Bande von Juwelenräuber.  Phoenix 06.12.2014, 22.30 – 00.00 Uhr. Hier die Kritik.

Zum Thema Faschismus und zweiter Weltkrieg äußert sich inzwischen die Dritte Generation von Filmemachern – und siehe, die Geschichte ist nicht auserzählt und bekommt immer neue Aspekte. „Agfa 1939. Meine Reise in den Krieg“ des polnischen Filmemachers Michal Wnuk, Phoenix 07.12.2014, 23.25 – 00.00 Uhr. Hier die Kritik.

In den Kinos

Das gilt auch für „Wiedersehen mit Brundibar“ von Douglas Wolfsberger, der jetzt in die Kinos gekommen ist. Er erzählt eine im Grunde alte Geschichte noch einmal neu. „Brundibar“ ist der Titel einer Kinderoper, die von den Nazis im KZ Theresienstadt für Propagandazwecke missbraucht wurde. Sie wird heute in Schulen oft gespielt. Der Regisseur begleitet eine Jugendtheatergruppe der Berliner „Schaubühne“ bei der Probenarbeit, fährt mit seinen Protagonisten nach Theresienstadt und konfrontiert sie mit Greta Klingsberg, einer charismatischen alten Dame aus Israel, die eine der wenigen Überlebenden der Originalbesetzung von „Brundibar“ ist. Sie nimmt den Jugendlichen die Scheu vor den Schrecken der Vergangenheit. Der Regisseur zu seinem Film: „Für mich war die Frage wichtig: Wie gestaltet man eine lebendige Erinnerungskultur ohne ritualisierte Gesten?“. Und zur Wahl seiner Protagonisten: „Die Schaubühnen-Leute haben es moderner gemacht, persönlicher. Den jungen Schauspielern sollte die Arbeit an dem Stück auch ein bisschen wehtun. Sie sollten sich die gleiche Frage stellen, die auch mich beschäftigt: Was wäre wenn? Das war schon eine interessante Truppe, denn diese Jugendlichen leben ja alle im betreuten Wohnen aus verschiedenen Gründen: Krankheit, Drogen, Kriminalität. Die haben also schon etwas hinter sich, was ihnen eine gewisse Befähigung zur Auseinandersetzung mit großen, schweren Brocken gibt. Gleichzeitig habe ich aber auch eine gewisse Dialektik bei ihnen bemerkt. Da sie privat schon sehr viel zu kämpfen hatten und sich jetzt mit noch viel Größerem auseinandersetzen mussten, kamen ihnen ihre eigenen Probleme plötzlich klein vor“.
Der Film ist seit dem 27.11.2014 in den Kinos. www.brundibar-derfilm.de

Und in der kommenden Woche, ab 4.12.2014, kommt ein neuer Dokumentarfilm von Ulrich Seidl in die Kinos: „Im Keller“. Der Regisseur hat sich in österreichischen Kellern umgesehen, immer auf der Suche nach nie gesehenen Abgründen. Hat er welche gefunden? Hier die Kritik.

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