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„Meine keine Familie“. Von Paul-Julien Robert

Eine Nicht-Familiengeschichte, die zugleich zur Zeitgeschichte wird, die Rekonstruktion einer Kindheit und traumatische Erfahrungen über das Aufwachsen in einer Kommune (3Sat, So 2.11.2014, 21:45 Uhr)

Um eine existenzielle biografische Erfahrung geht es in Paul-Julien Roberts Film „Meine keine Familie“. Der Autor ist in der Kommune des österreichischen Aktionskünstlers Otto Mühl aufgewachsen. Ablehnung der Kleinfamilie, Vorrang der kollektiven Erziehung gehörte ebenso zum Programm wie freie Sexualität und Selbstdarstellung als therapeutisches Verfahren. Otto Mühl wurde Jahre später wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht gestellt und verurteilt.

Die Geschichte der Kommune zu erzählen, ist aber nicht Roberts primäres Anliegen. Ihm geht es um die Rekonstruktion seiner Kindheit. Sie hat ihm einerseits einen großen Freundeskreis beschert, nämlich die Kinder, die seine große Familie wurden. Andererseits war sie mit großer Einsamkeit verbunden, weil die Mutter meist weg und der Vater gar nicht existent war: eben seine „keine“ Familie. Im Zentrum des Films steht die Auseinandersetzung des Autors mit seiner Mutter, die Nachfrage nach ihren Motiven, ihren Träumen und wie sie diese Lebensphase heute sieht. Eine nachdenkliche Rekonstruktion und, wie sich herausstellt, für den Autor eine durchaus traumatische Erfahrung, verbunden mit großer Trauer über nicht gelebte Erfahrungen.

Da die Kommune alle ihre Aktionen dokumentierte, verfügt Paul-Julien Robert über reichlich Videomaterial, das er sehr eindrucksvoll einsetzt. So bekommt man eine anschauliche Vorstellung davon, mit welchen Mitteln Otto Mühl diese Lebensgemeinschaft in seinem Sinn dirigierte. Man sieht diese seltsame Mischung aus Machtausübung und lächerlicher Scharlatanerie, zu der natürlich immer auch diejenigen gehörten, die auf den Scharlatan hereinfallen wollten. Auch dieser Film weist über die persönliche Erfahrung hinaus und weitet den Blick auf Fragen nach Lebensentwürfen, nach gelebten Utopien und nach Mechanismen der Macht. Paul-Julien Robert sagt, das sei „ein Film über Familie, über Systeme und über die Familie als System“.

Meine Keine Familie. Von Paul-Julien Robert. A 2012, 3SAT, So 02.11.2014, 21.45 -23.25 Uhr. Der Film lief im vergangenen Jahr auf der Filmwoche Duisburg. 3Sat, die auf dem Festival mit einer eigenen Jury vertreten ist, zeigt mit Regelmäßigkeit einige Filme aus dem Programm – mehr dazu in der kommenden Woche

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