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Im Übrigen bin ich der Meinung, dass..

der fiktionale Fernsehfilm keineswegs das emotionalere Genre ist, die TV-Dokumentation oder der Dokumentarfilm dagegen das Abstrakte, das Kühle.

Aber so sehen das offenbar Sylvia Leuker und Benedikt Röskau, die das Drehbuch für das den Odenwaldfilm „Die Auserwählten“ geschrieben haben: „Ein Spielfilm kann sehr viel weiter gehen, vor allem in der Identifikation der Zuschauer mit den Figuren“, sagen sie und „Ein Spielfilm ist für jeden nicht nur sehbar, sondern auch nachempfindbar, und das ist unglaublich viel bedeutender als eine Dokumentation. Wenn Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern diesen Film sehen, dann können sie in ähnlichen Situationen Analogien ziehen und aufmerksam bleiben, reagieren, miteinander reden. Die Signale, die Kinder immer aussenden, können sie dann entschlüsseln und dann etwas tun.“

Vielleicht haben die Autoren wirklich nur vom Genre der TV- -Dokumentation gesprochen und nicht gleich auch den Dokumentarfilm mitgemeint, wie das inzwischen gang und gäbe ist. Denn jedenfalls für den Dokumentarfilm gilt diese schematische Trennung zwischen Fühlen und Verstehen ganz und gar nicht. Das war sehr schön zu sehen in dieser Woche, als das Fernsehspiel ausgestrahlt wurde und im WDR noch einmal den Dokumentarfilm „Geschlossene Gesellschaft“ von Lucia Schmid und Regina Schilling (Grimme-Preis 2013). Im Vergleich zeigt sich, dass der Dokumentarfilm dem Spielfilm nicht nur an Differenziertheit weit überlegen ist, sondern auch in der allseits herbeibeschworenen Emotionalität – wenngleich nicht in der von den Autoren erhofften unmittelbaren Wirkung der Analogiebildung.

Wie die seinerzeit von Gerold Becker missbrauchten Jungen Jahre später, als Männer, darüber sprechen, das lässt in einem hohen Maße mitempfinden und verstehen, wie tief diese schreckliche Erfahrung sitzt – also was Missbrauch wirklich bedeutet für die Psyche. Etwa wenn einer der Männer beschreibt, er sei noch Jahre später bei einem Besuch des schwerkranken Gerold Becker unfähig gewesen, die entscheidenden Fragen nach dem Missbrauch zu stellen und sei wieder zu dem angsterfüllten kleinen Jungen von damals geworden. Das ist einprägsamer und bleibt nachhaltiger im Gedächtnis als die Spielszenen, in denen das Geschehen des Missbrauchs zwar meist nur indirekt angedeutet, aber doch in etwa naturalistisch abbildet wird.

Was natürlich im, Umkehrschluss auch nicht heissen kann, dass Fiktionales dem Dokumentarischen grundsätzlich unterlegen ist. Es liegt schon auch an der Art des Inszenierung, der Dramaturgie und der Erzählform, die zum Beispiel für alle Widersprüchlichkeiten etwa unter den Lehrern der Odenwaldschule nur simple Charakterisierungen, ja fast nur Klischees findet.

Während in diesem Fall die fiktionale Version vor allem darauf angelegt ist, das Geschehen nachempfinden zu sollen, leistet der der Dokumentarfilm darüber hinaus auch noch, das System Odenwaldschule zu verstehen und das gefährliche Elitedenken als eine der Grundlagen für das Verschweigen und Vertuschen zu erkennen. Die fiktionale Version leistet das grade mal in Ansätzen. Die dramaturgische Anlage ist zu eng, eben zu sehr auf Einfühlung gesetzt. Bei aller Schauspielkunst von Ulrich Tukur versteht man keine Minute lang, welcher Zeitgeist diesem Mann so viel gesellschaftliches Renommee verschafft hat, dass er jahrelang Kinder missbrauchen konnte

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