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Großes Museum, kleine Schule und warum eine Welt ohne Dokumentarfilme düster wäre

Zwei Kino-Dokumentarfilme stehen in dieser Woche im Zentrum, beides klassische Vertreter ihres Genres: beobachtend, ohne bevormundenden Kommentar, bescheiden und welthaltig zugleich. Im Fernsehen dagegen wenig Neues. Dafür ein paar bedenkenswerte Anmerkungen des Schweizer Dokumentaristen Christian Frei.

„Das große Museum“, von dem Johannes Holzhausen erzählt, ist das kunsthistorische Museum in Wien, ein Palast für das habsburgische Erbe und ein Kulturinstitut im Wettkampf um Aufmerksamkeit. Näheres in der Rubrik „Im Kino“.

„Tableau noir“ hat Yves Yersin seinen Film genannt, wie die schwarze Schultafel, auf der die Kreide kratzt. Der Film erzählt ein Schuljahr in einer Zwergschule in einer abgelegenen Gegend im Schweizer Jura. Ein Lehrer und eine zwölf Schüler. Eine Schule, wo Lernen noch unmittelbar mit dem Leben verbunden ist. Altmodisch? Vielleicht. Näheres in der Rubrik „Im Kino“

„Space Tourists“ von Christian Frei von 2009 ist schon gelegentlich wiederholt worden, jetzt wieder. Auch wolfsiehtfern hat den Film schon vorgestellt, die Kritik finden sie hier. Phoenix, Sa 25.10.2014, 22.30 – 23.50 Uhr. An dieser Stelle aber eine Anmerkung des Regisseurs zur Bedeutung des Dokumentarfilms, veröffentlicht auf der Website des Schweizer Fernsehens.

„Ein Land ohne Dokumentarfilme sei wie eine Familie ohne Fotoalbum, schrieb der chilenische Altmeister Patricio Guzman. Tatsächlich. Wir leben in einem goldenen Zeitalter des kreativen Dokumentarfilms. Die Palette von Ausdrucksformen wird immer breiter. Schweizer Dokumentarfilme sind Big Players! Erfolgreich an internationalen Filmfestivals und auch in den Kinos hierzulande.
Wird das auch in 40 Jahren noch so sein? Das Zeitalter der totalen Allmacht über Bilder und Töne ist angebrochen. Was wir mit Kamera und Mikrofon einfangen, kann dank Digitalisierung beliebig manipuliert und verändert werden. Führt das irgendwann zum Tod des Authentischen? Werden sich Menschen im Jahr 2050 noch Dokumentarfilme ansehen, in einem Raum, den man immer noch «Kino» nennen wird?

Das Kino Mitte des 21. Jahrhunderts mag ein Ort sein, in dem das, was wir heute «Film» nennen, holografisch inmitten der Zuschauer schwebt. Und gedreht wird vielleicht gar nicht mehr mit Kameras.
Aber das Bedürfnis nach realen Geschichten wird bleiben, davon bin ich überzeugt. Ein Dokumentarfilm verdichtet Elemente des Realen zu einem künstlerischen Werk, das die Wirklichkeit überraschend, provozierend und sinnlich interpretiert und Wesentliches sichtbar macht. Das Drama entdeckt er im Alltäglichen. Bei Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen und sozialen Stellungen. Uns Dokumentaristen ist egal, ob wir die Putzfrau im Weissen Haus porträtieren oder den Präsidenten. Das Universum dieser Putzfrau wird für uns unendlich kostbar, und ihre Sorgen und Träume sind für uns grosses Kino.
Das Dokumentarische ist ein wirksames Gegengift zu Ignoranz und Vorurteilen. Eine Welt ohne Dokumentarfilm wäre eine düstere Welt.“
2008 erzählte Marcus Vetter in dem vielfach ausgezeichneten Film „Herz von Jenin“ die Geschichte des palästinensischen Vaters Ismail Khatib, dessen elfjähriger Sohn erschossen wurde. Khatib war dazu bereit, dass die Organe seines Sohnes an verschiedene Kinder im Nahen Osten gespendet wurden – ein Film, der mehr über die Konfliktlage im Nahen Osten erzählt als zehn herkömmliche Dokumentationen. Bei den Dreharbeiten stieß der Regisseur Marcus Vetter auf das „Cinema Jenin“ – das einzige Kino im ganzen Westjordanland, das zwanzig Jahre lang still gelegt war. Mit Hilfe von Freunden und Helfern aus der Region und gegen viele Widerstände wurde es möglich, das Kino wieder aufzubauen und als Kino, als Kulturzentrum und als Refugium für die Kinder von Jenin in Betrieb zu nehmen. Davon erzählt Marcus Vetter in „Cinema Jenin“. Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) prämierte den Film, die Jury sprach davon, „Cinema Jenin“ solle ein Ort des Friedens und ohne Waffen sein.
SWR, Mi 22.10.2014, 23.30 – 01.05 Uhr

http://www.fbw-filmbewertung.com/film/cinema_jenin,
Noch ein Film von Marcus Vetter: „Der Chefankläger“.  Vetter porträtiert Luis Moreno Ocampo, der bis 2012 Chefankläger des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag war. Er begleitet den Juristen, der sein Handwerk als Assistent im Prozess gegen die Generäle der argentinischen Militärjunta gelernt hatte, zu diversen Gerichtsverhandlungen – in Lybien, in Gaza und vor allem im Prozess gegen einen ehemaligen Milizenführer im Kongo, der Kindersoldaten eingesetzt hatte. Zu diesem Prozess kommen auch Hollywood-Star Angelina Jolie zusammen mit Ben Ferencz, dem ehemaligen Chefankläger der Nürnberger Prozesse. Eine Kontinuitätslinie wird sichtbar. Gegen die Eitelkeit seines Protagonisten kommt der Filmemacher aber nicht an.
NDR, Di 21.10.2014, 00.00 – 01.30 Uhr

Frittierte Spinnen essen, Schlangenblut trinken und bei einem Molekular-Starkoch experimentieren – die beiden Jungköche Felix und Max reisen um die Welt, um globalisiert kochen zu lernen. Der Dokumentarist Jonas Gernstl begleitet sie quer durch Asien auf dieser Koch-Walz: „Guerilla-Köche“. Ein bisschen viel Ich-Fernsehen, in dem die Protagonisten reichlich vor der Kamera posieren, aber auch mit Selbstironie erzählt.
BR, Mo 21.10.2014, 22.45 – 00.15 Uhr

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