Permalink

0

Die Welt der orthodoxen Juden, Honeckers Sturz und eine dokumentarische Nachfrage, was ein Mensch wert sei

Unter den Highlights der Woche findet man Filme, die eine Wiederentdeckung wert sind, so wie Jens Schanzes Filme über das von der Braunkohle verdrängte Dorf Otzenrath. Oder die weitgehend unbekannt gebliebene Geschichte monogolischer Goldgräber in der Wüste Gobi. Ein Überblick über die Ausbeute an Dokumentarfilmen für die kommende Woche. 

Die ARD startet im November eine Themenwoche „Demenz“. Ein Film, der vor zwei Jahren mit einem achtbaren Erfolg in den Kinos die Diskussion über das Thema ein Stück weit geöffnet und unsere Sicht darauf beeinflusst hat, ist „Vergiss mein nicht“ von David Sieveking. In seinem autobiographischen Film kümmert er sich um seine Mutter, agiert in der Mehrfachrolle als Sohn, als Betreuer und als Filmemacher, erfährt etwas über die Vergangenheit seiner Eltern und damit auch über seine. Über die Nahsicht auf eine für alle Beteiligten dramatische und herausfordernde Krankheit hinaus ist „Vergiss mein nicht“ auch ein Film über Familie, über Vertrauen und Liebe, über das Leben. Der BR zeigt den Film auf seinem schönen, stets interessant programmierten Dokumentarfilmplatz am späteren Dienstag Abend. „Vergiss mein nicht“. Von David Sieveking. D 2012. BR, Di 14.10.2014, 22.45 – 00.15 Uhr

Die Welt der orthodoxen Juden in Jerusalem ist weitgehend abgeschottet, auch in der israelischen Gesellschaft. Wie die Menschen in dieser religiösen Gemeinschaft leben, welche Konflikte sie austragen und wie sie sich in einer modernen Gesellschaft bewegen oder eben nicht, davon erzählt der israelische Film „Gott bewahre!“ von Ron Ofer, Yohai Hakak und Itai Ken-tor. Er ist wie eine Expedition in das unbekannte Land der Haredim und man sieht es dem Film an, dass die Autoren von keiner ihrer Funde und Begegnungen lassen wollten. Sie können zeigen, dass nicht alle damit einverstanden sind, sich komplett gegen die moderne Welt abzuschotten. Frauen versuchen, sich aus ihrer extrem untergeordneten Lage zu befreien. Junge Menschen versuchen, an eine vernünftige Berufsbildung zu kommen und auch die Versuchungen des Internet gehen an den Heradim nicht vorüber. Während konservative Rabbis davor warnen, suchen andere Auswege, wie etwa der Werbefachmann Yigal Revach. Er gründete eine Initiative für ein „koscheres Internet“. „Gott bewahre! Die Welt der ultraorthodoxen Juden in Israel“ von Ron Ofer, Yohai Hakak, Itai Ken-tor, Arte, Di 14.10.2014, 01.00 – 02.30 Uhr

Etwas aus dem Blickwinkel geraten sind im Zeichen der Energiewende die nach wie vor umfangreiche Ausbeutung von Braunkohlevorkommen und ihre Folgen für die Menschen, die auf der Kohle wohnen. Umsiedlungen finden immer noch statt. Wie es einem solchen Dorf ergeht, hat 2001 der junge Filmautor Jens Schanze in seinem Film „Otzenrather Sprung“ gezeigt. Für die strenge und klare Bildsprache und die Themenwahl bekam er dafür 2002 den Grimmepreis und den Bayrischen Fernsehpreis. Sechs Jahre später hat der Autor in „Otzenrath 3 Grad kälter“ seine Geschichte fortgeschrieben und die Bewohner in ihren neuen Domizilen besucht. ZDF Kultur zeigt beide Filme hintereinander.
„Otzenrather Sprung“, D 2001 und „Otzenrath 3 Grad kälter“ . D 2007 von Jens Schanze. ZDF Kultur, Di 20.15 und 21.15 Uhr. Kritik zu den Filmen unter der Rubrik „Im Fernsehen“.
Im Oktober 1977 war die Lufthansa-Maschine „Landshut“ mit 82 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern in der Gewalt von Terroristen. Das Flugzeug wurde in Mogadischu am 18. Oktober von einer Einheit der GSG 9 getürmt, die Geiseln befreit. Der Film „Im fliegenden Sarg“ erzählt die Geschichte aus dem Blickwinkel der Geiseln. Interessant an dieser sonst herkömmlich erzählten Dokumentation sind die Interviews mit den Geiseln, die der Filmemacher Ebbo Demant 1980 führte, als die Erinnerungen noch lebhaft und gegenwärtig waren. Demant hatte selbst damals dieses Material zu einem Dokumentarfilm verarbeitet, der einmal ausgestrahlt wurde und dann in den Archiven verschwand. Diese Interviews 2012, zum 35. Jahrestag, noch einmal ans Tageslicht geholt zu haben, ist ein Verdienst des Films des Regisseurs Ingo Helm. Ein Streit über Rechte an den Bildern und über Autorennennung blieb im Hintergrund dieser Ausstrahlung. „Im fliegenden Sart“. Dokumentation von Ingo Helm, mit Bildmaterial von Ebbo Demant. SWR, Mi 15.10.2014, 23.30. – 01.00 Uhr
In diesen Erinnerungstagen an Leipzig-Demos und Mauerfall holt Phoenix noch einmal einen Dokumentarfilm von Eric Friedler ins Programm, der sich der widersprüchlichen Figur von Erich Honecker widmet. Er schildert in „Der Sturz“ die letzten Tage Honeckers in Deutschland und erzählt, was heute viele nicht mehr wissen, wie dramatisch die Flucht von Erich und Margot Honecker verlief, wie sie nur knapp der Obdachlosigkeit und der Lynch-Justiz entgingen, ehe sie schließlich nach Chile ausreisen konnten. Aufsehen erregt hatte der Film, weil es Eric Friedler gelungen war, Margot Honecker im chilenischen Exil für ein Interview vor die Kamera zu bekommen. Dieses Interview ist selbst schon wieder zum zeitgeschichtlichen Dokument geworden.
„Der Sturz. Honeckers Ende“. Von Eric Friedler. D 2012. Phoenix Sa. 18.10.14, 20.15 Uhr, Sa. 19.10.14, 03.00 Uhr, So. 19.10.14, 06.45 Uhr; So. 19.10.14, 18.30 Uhr

 

In der Wüste Gobi schürfen bis zu hunderttausend Menschen unter harten Bedingungen nach Gold und es geht sowohl gegen ihre Gesundheit wie auch gegen ihre Traditionen. Der Film „Der Preis des Goldes“ ist mit fünf von ihnen unterwegs. Er bekam 2012 den Arte-Preis auf der Duisburger Filmwoche
“Der Preis des Goldes”. Von Sven Zellner und Chingunjav Borkhuu. 3Sat, So 19.10.2014, 21.45 – 23.10 Uhr. Begründung der Jury siehe Rubrik „Im Fernsehen“

Seit Donnerstag ist ein Dokumentarfilm in den Kinos, der eine zunächst ungewöhnliche Frage schon im Titel stellt: „Was bin ich wert?“, ausgerechnet in Dollar oder Euro. Der Journalist Peter Scharf stellt diese Frage und sucht Menschen und Unternehmen auf, die sich diese Fragen tatsächlich nicht nur stellen, sondern auch über entsprechende Rechenmodelle verfügen und sie einsetzen. Versicherer wollen es genauer wissen, wenn es um Versicherungsklassen geht, Rechtsanwälte, wenn um Schmerzensgeld verhandelt wird, Arme, wenn sie ihre Organe für Transplantationen verkaufen. Ein Wissenschaftler kann sogar eine Formel an die Tafel schreiben. Die Berechnungsweisen sind oft unterschiedlich. In den USA etwa wird für Entschädigungszahlungen der Wert der Toten des 11. September anhand des Einkommens berechnet. Der tote Feuerwehrmann kommt also billiger als der tote Banker. Filmautor Peter Scharf wählt dafür eine Erzählform, mit der er sich selbst stark in den Mittelpunkt stellt, aus der Erfahrung heraus, als freier Journalist einige Monate krank geworden und damit gefühlt im Wert gesunken zu sein. Er schlägt, wohl um nicht melodramatisch zu werden, einen leichten und ironischen Tonfall ein, der zwar auf die manchmal skurrilen Berechnungsfunde auch passt, der aber dann, zusammen mit der permanenten Präsenz auf der Leinwand, bald auch etwas nervt. Errechnet hat der Autor für sich, einen weitgehend gesunden 47-Jährigen einen Wert zwischen 1,1 und 2 Millionen Euro, je nach Berechnungsart. Der reine Materialwert ist dabei mit 1500 Euro ziemlich gering veranschlagt.
„Was bin ich wert?“. Von Peter Scharf. In den Kinos seit Do, den 9.10.2014.
http://www.peterscharftv.de/was_bin_ich_wert/was_bin_ich_wert.htm

 

 

 

Kommentare sind geschlossen.