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„Die Wahrheit über Dracula“. Von Stanislaw Mucha

„Die Wahrheit über Dracula“ verspricht der Filmemacher Stanislaw Mucha und macht sich auf eine weite Reise. Sie führt ihn in das Heimatland von Dracula, zu Graf Vlad Tepes, genannt der Pfähler. Der regierte im 15. Jahrhundert, angeblich äußert grausam, worauf sein Beiname verweist. Vlad Tepes war das Vorbild für Bram Stokers Roman, der im 19. Jahrhundert den Dracula-Mythos über Europa verbreitete. (Arte, Do 30.10.2014, 02.45 -04.10 Uhr)

Die Reise des Films führt den Zuschauer nach Transsylvanien und sie führt, wie bei Mucha nicht anders zu erwarten, nicht bloß in die Geschichte, sondern mitten hinein in die Gegenwart dieses Landstrichs in Rumänien. Wie schon in seinem berühmten Film „Absolut Warhola“ über die Menschen im Geburtsort von Andy Warhol, zieht der Regisseur auch hier über die Dörfer, besucht Menschen, fragt sie aus, entlockt ihnen merkwürdige Geschichten. Er bittet einen geradezu skurrilen Graphologen um ein Gutachten, aber der kann aus Tepes Schriften nicht richtig rückschließen auf den Urheber und seinen Charakter. Er besucht einen italienischen Historiker, der aussieht wie eine Figur von Fellini – man bleibt bis zu Ende unsicher, ob dieser dieser Mensch nicht nur als Filmfigur existiert. Mucha trifft im Siedlungsgebiet der Siebenbürgener Sachsen auf einen Priester, der in seiner Kirche immer noch predigt, allerdings nur noch für sich allein. Die Fürbitten hat er mangels Gegenüber ein wenig abändern müssen. Ein kluger, philosophischer Mann und eine tragische Figur, in der sich das historische Geschehen ausdrückt. Die tausendjährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen hat sich nach der Wende von 1989 in einen einzigen Sommer fast erledigt. Viele Menschen sind ausgewandert, die Dörfer verfallen.

Was das historische Vorbild für Dracula betrifft, leistet der Film eine Art Widergutmachung. Vlad Tepes war nicht grausamer als andere Fürsten seiner Zeit, in der Krieg, Folter und Hinrichtung die gebräuchlichen Verkehrsformen mit politischen Gegnern waren. Die Hinrichtungsmethode hat der Graf wohl von den Türken übernommen. Tepes war auch ein vermutlich ziemlich kluger Vertreter seiner Interessen in der Region und verhielt sich zu seinen Untertanen nicht weniger blutsaugerisch als die andreren Fürsten dieser Zeit. Der blutrünstige Mythos war eher die kulturelle Rache der Siebenbürger Sachsen, denen Vlad Tepes mit seiner Politik in die Quere kam. Heute ist aus dem Dracula-Mythos auch eine kleine Industrie geworden, die mit mehreren Dracula-Burgen, Grusel-Hotels, Freizeitparks und einem Institut für Vampirismus Touristen in diesen verlassenen Winkel Europas zu locken versucht.

Stanislaw Much geht seinen Stoff mit gewohnt leichter Hand an. Er ist ein Autor mit einem gut geschulten Blick für Typen, Skurriles und schräge Geschichten. Dieses Potential spielt er gut aus, die Dracula- Geschichte hat alle Zutaten für eine historisch unterfütterten unterfütterte Unterhaltungsstory, eine gruselige Kulturgeschichte und einen Blick in ein immer noch ziemlich wildes Land, das aus der Zeit gefallen scheint. Mit einem Augenzwinkern lässt sich diese europäische Geschichte gut und mit Vergnügen lesen.

„Die Wahrheit über Dracula“. Von Stanislaw Mucha, HR Do 29.10.2014, 02.45 – 04.10 Uhr

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