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Sport und Dokumentarfilm – Fundsachen auf ZDF-Kultur

Besuchen Sie ZDF-Kultur, solange es den Sender noch gibt. Sein Ende ist schon annonciert, aber Medienpolitik funktioniert in diesem Land nicht so schnell. So ist noch eine Zeitlang Gelegenheit, interessante Dokumentarfilme auf diesem in der Aufmerksamkeit doch weit abseits liegenden Kanal zu diesen. In dieser Woche gleich drei nacheinander – Raum für einen langen Dokumentarfilmabend: „Hoffenheim – das Leben ist kein Heimspiel“, „Das Schiff des Torjägers“ und „Rich Brother“ (ZDF Kultur,  10.9.2014, ab 20.15)

Auf unterschiedliche Weise haben alle diese drei Filme mit Sport zu tun und mit gesellschafltichen Zustaänden, in den Sport eine Rolle spielt.

„Hoffenheim – das Leben ist kein Heimspiel“ ist ein für Fußballfans interessanter Blick hinter die Kulissen des Bundesliga-Geschäfts. Der Film erzählt vom Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim aus der Provinz in die Bundesliga, von Rückschlägen und Durchhaltevermögen und auch von der Rolle des Fußballs für ein Dorf – in diesem Sinn auch ein Heimatfilm.

Da Fußball stark an den Augenblick gebunden ist, der TSG Hoffenheim seit diesem Film schon wieder so manches Auf und Ab durchgemacht hat und knapp am Abstieg vorbeigeschrammt ist, wirkt der Film unfreiwillig manchmal schon etwas museal, andererseits aber auch wieder paradigmatisch; eben macht sich mit dem RB Leipzig wieder ein Verein aus dem Ligakeller auf den Sturm in die 1. Bundesliga auf, auch mit mäzenatischer Hilfe.

„ Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel“. Von Frank Pfeiffer und Rouven Rech. D 2010. ZDF Kultur, 10.09.2014, 20.15 – 21.45

 

In Heidi Specognas Film „Das Schiff des Torjägers“ ist der Protagonist ein aus der Bundesliga bekannter Profi: Jonathan Akpoborie aus Nigeria, der erst für Hansa Rostock, dann für den VfB Stuttgart und für die Nationalmannschaft Nigerias spielte. Von seinen Gagen kaufte er zwei Schiffe, eins davon die „Etireno“. Es sollte seiner Familie Hilfe zur Selbsthilfe sein. 2001 erschienen Zeitungsberichte, dass die „Etireno“ Kindersklaven transportierte -. eine afrikanische Tragödie in den Augen der Menschenrechtsorganisationen, eine individuelle Tragödie für die Kinder, eine Tradition in den Augen der Eltern. Für Akpoborie bedeutete das das Ende seiner Karriere, obwohl er persönlich daran unschuldig war.

Über den Einzelfall hinaus geht es im Film auch darum, wie Menschen sich in Handelskreisläufen bewegen, selbst Teil dieser Handeslkreisläufe werden – wie übrigens Fußballprofis auch. Der Film stellt mehr Fragen als Antworten. Lässt sich die europäische Sicht mit der afrikanischen vereinbaren? Von welcher moralischen Position aus urteilen wir? Wer profitiert von dieser Art Austausch von Handelsgütern?

Und wie alle Filme von Heidi Specogna, die eine der besten Rechercheurinnen in der Dokumentarfilmszene ist, ist auch diese Arbeit intensiv, emotional und emphatisch. Der Grundduktus ihres Erzählens ist durch Neugier bestimmt, freundliche, entschiedene Neugier. Man spürt den bewusst naiven Blick einer Künstlerin, die es wissen will und übernimmt diese Perspektive gern. Ihren Filmen fehlt alles Abgebrühte und Gleichgültige – was lässt sich Besseres sagen in diesen abgebrühten Medienzeiten?

„ Das Schiff des Torjägers“. Von Heidi Specogna. D, CH 2010.
ZDF Kultur, 10.09.2014, 21.45 -23.15

 

Boxen ist immer schon ein Sport gewesen, der Underdogs den Weg nach oben versprach. So auch in „Rich Brother“.  Im Fall des Kameruners Ben kommt nun noch das Migrantenschicksal dazu. Als Ben 2005 als Asylant nach Deutschland kam, begann er zu boxen, um dem Asylheim zu entkommen und um die Erwartungen seiner Familie erfüllen zu können. Die hatte ihn nach Europa geschickt, damit er Geld verdiene und sie unterstützte.

Und so begleitet Insa Onken auf seinem Weg durch das zwielichtige Milieu der Berliner Boxwelt. Sie kontrastiert immer wieder sein Leben mit Interviews mit seiner Familie in Kamerun, die zeigen, welch ungeheurem Druck er ausgesetzt ist und wie er zwischen den Anforderungen zunehmend zerrieben wird.

Am Ende bekommt er über einen neu gegründeten Boxverband sogar die Chance auf einen WM-Kampf – und er kann jetzt auch als „rich brother“ nach Kamerum fliegen. Sehr eindrucksvoll, neben den Szenen aus dem Berliner Milieu sind jene Szenen, in denen er überlegt und plant, welche Geschenke er für alle seine Verwandten mitbringt.

„Rich Brother“. Von Insa Onken. D 2009.
ZDF Kultur, 10.09.2014, 23.15 – 00.55

und danach in einer Schleife gleich nochmal alle drei Filme hintereinander.

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