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„Jaffa – Im Namen der Orange“. Von Eyal Sivan

Die Älteren werden sich noch erinnern können: Jaffa-Orange, das war einmal das Synonym für Orange schlechthin. Sonnenschein, knallbunte Farben, Werbespots aus den fünfziger Jahren. Intensiv duftende Früchte, eingewickelt in bunte knittrige Papierchen. Ein Flair, ein Geschmack von Orient, ein Duft von weither (WDR, Sa 20.9., 02.35). Für andere Menschen bedeutet Jaffa heute etwas anders. Für viele Palästinenser ist Jaffa eine zerstörte palästinensische Stadt. Für viele Israelis ist Jaffa bloß ein Außenbezirk von Tel Aviv. Für den Regisseur Eyal Sivan hingegen ist Jaffa eine Metapher für die Absurdität des palästinensisch-israelischen Konflikts.

Der Regisseur Eyal Sivan ist Israeli, er lebt in Israel und Frankreich. Er liest Jaffa als eine Metapher, „die das Absurde des israelisch-palästinensischen Konflikts zusammenfasst“. Jaffa, heute ein Teil von Tel Aviv, war einmal eine große, multiethnische Hafenstadt. Über sie wurde der weltweite Handel mit Orangen abgewickelt. In Jaffa entwickelte sich, über einen Streik der palästinensischen Hafenarbeiter, 1937, jene zionistische Politik, die die palästinensischen Orangenbauern und Händler zurückdrängte. Im Gegenzug wurde die Orange zum Symbol des israelischen Staates, der trieb damit sogar Außenpolitik. Am Ende dieser Entwicklung stehen aktuelle Fernsehbilder, in denen die israelische Armee Orangenhaine im Gazastreifen niederwalzt – mit der Begründung, von diesem Gelände würden Raketen abgeschossen. Kommentar des französisch-palästinensischen Historikers und Dichters Elias Sanbar: „Leute, die ein Land lieben, könnten das nicht tun.“

Eyal Sivan hat für seine Geschichtschreibung entlang der Orange jahrelang in Archiven gearbeitet und bewundernswert viel und interessantes Filmmaterial zu Tage gefördert. Alte Fotos, Filmaufnahmen, politische Poster, Wochenschaubilder, Werbe- und Industriefilme in englischer, französischer, hebräischer und arabischer Sprache. Aufnahmen von den Anfängen der Fotografie- und Filmgeschichte, frühe christliche Bibelfilme und zionistische Aufbaufilme, sehr taff propagandistisch im Stil. Der Regisseur über seine Methode: „Ich habe den Leuten Filme gezeigt, den Zeitzeugen habe ich Fotos gegeben, die haben sie sich angeschaut und dann reagiert, ich habe sie gefragt, was sie genau sehen, was sie empfinden. Bei den anderen habe ich die Filme an die Wand projiziert, das war einerseits eine wirkliche Projektion, aber ist auch eine innerliche Projektion dieser ganzen Geschichte Palästinas und der Orangen.“

Und so ist der Film auch nicht nur eine Fundgrube für verborgenes, unbekanntes und aus der Zeit gefallenes Bildmaterial. Sondern er ermöglicht auch Arbeit an unserem visuellen Gedächtnis. Aus diesen Bildern lässt sich herauslesen, wie über bestimmte politische und gesellschaftliche Zusammenhänge gedacht wurde und welche enorme Rolle kulturelle Fragen dabei spielen, Fragen die in der Hochkultur gestellt werden ebenso wie in zeitgenössischen Medien wie der Karikatur. Erstaunlich, wie schnell sich der Eindruck verfestigt, das sei authentisches Bildmaterial, also ein Blick durch ein Zeitfenster zurück in eine Geschichte, die die Gegenwart prägt. Eyal Sivan hat einmal in einem Interview gesagt, all diese Bilder seien bekannt gewesen, aber sie seien zerstreut gewesen, man habe sie nicht im Zusammenhang gesehen. Sie können jetzt noch einmal neu kontextualisiert werden.

Diesen Zusammenhang versucht dieser Film nun zu rekonstruieren. Er holt israelische und palästinensische Intellektuelle vor die Kamera, Schriftsteller, Dichter, aber auch ehemalige Mitarbeiter der Zitrusindustrie wie den palästinensischen Orangenbauer Ismail Abou Shahade. All diese Zeitzeugen reflektieren an diesen Bildern nunmehr ihre Geschichte und die Geschichte ihrer verfeindeten Länder. „Zuerst haben wir uns ihr Bild angeeignet, und 1948 haben wir auch ihr Land an uns genommen“, sagt die Kunsthistorikerin Rona Sela. Der Orangenanbau wurde zur Gründungslegende des Staates Israel; für die Palästinenser steht die Frucht für den verlorenen Einfluss, für die verlorene Heimat, und dann erinnert die Orange auch an eine längst verlorene Zeit, als Israelis und Palästinenser noch gemeinsam die Plantagen bewirtschafteten.

Der Film holt diesen vergessenen oder verdrängten historischen Umstand ans Licht: es hat einmal eine Zeit gegeben, in der bei der Orangenernte und beim Orangenversand Israelis und Palästinenser friedlich zusammenarbeiteten. Diese Erinnerung wertet der Regisseur auch politisch – als einzig mögliche friedliche Perspektive für den Nahen Osten. Im Interview hat Eyal Sivan dazu gesagt: „wir sollten darüber nachdenken, wie Palästinenser und Israelis teilen können. Dazu sollte man die Erinnerung an das einstige gute Zusammenleben von Juden und Palästinensern in Jaffa nutzen.“ Sein Film tritt einen überzeugenden Beweis an.

„Jaffa – Im Namen der Orange. Von Eyal Sivan“, D, F, ISR, B
WDR, Sa 20.9.2014, 02.35 – 03.55

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