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„Die Ostdeutschen – 25 Wege in ein neues Land“

Bäcker Hacker mag nicht über Ostschrippen sprechen. Er backt welche und zwar auf ganz altmodische Weise, handgemacht, ohne tiefgefrorene Teiglinge. Vor seinem Laden sitzt ein Gast, der hat eine Philosophie dazu. Die Westbrötchen, sagt er, sind größer und glänzen, aber wenn du sie aufschneidest, sind sie hohl. Die Ostbrötchen dagegen sind klein und kompakt und ehrlich. RBB, Mo 01.09.2015 Uhr, Folge 5

Die Geschichte von Bäcker Hacker und seinen Schrippen vom Prenzlauer Berg ist eine von 25 Lebensgeschichten in jeweils 15 Minuten, die der rbb in der kommenden Woche in einem kompakten Sendeblock über fünf Tage hinweg ausstrahlt. In fünf Filmen über „Die Ostdeutschen“, die nicht über sie erzählen, sondern in denen sie selbst erzählen. Das sind spannende Lebensläufe mit Brüchen, überraschenden Wendungen, Niederschlägen und Auferstehungen.

Frau Derfling etwa, die unmittelbar nach der Wende arbeitslos wurde, sich mit ihrem Mann mit einer Spedition selbständig machte. Dort liefen sie in die Schuldenfalle und überstanden letztlich auch diese Krise, weil sie zusammen gehalten haben: „Ich bin der Motor und Du das Getriebe“, sagt sie zu ihrem Mann und der lächelt. Jetzt arbeitet Frau Derfling als Schuldnerberaterin und in einem Garten am Stadtrand von Berlin haben sie sich ein kleines Paradies herangezüchtet.

Die erste Folge von „Die Ostdeutschen“ schließt ab mit einer Musikgruppe mit dem schönen Namen „Allyouneedislied“, mit Menschen, die vor vierzig Jahren als Jugendliche in der DDR-Singebewegung aktiv waren, mitgesungen haben im „Oktoberklub“ oder „Jahrgang 49“. Sie wollen immer noch singen oder schon wieder und stehen natürlich vor der Frage: Welche Lieder können sie noch singen, welche nicht mehr. Und manchmal kommen sie vor lauter Debattieren gar nicht zum Musizieren. Und diese Form des Singens, ist dann doch eine merkwürdige Begegnung der dritten Art.

Drei von fünf sehr verschiedenen Lebensgeschichten in der ersten Folge von „Die Ostdeutschen“, die am Stück auserzählt werden und nicht miteinander verflochten werden wie üblich. Also auch ohne Cliffhanger und sonstige dramaturgische Kniffe und Mätzchen. In ihrer Grundtonart sind die Filme zugewandt, belehren niemanden, wollen zuhören, lassen zuhören, lassen auch Unaufgelöstes stehen, hinterlassen manchmal mehr Fragen als Antworten. Die einzelnen Geschichten wurden von einem Kollektiv von Regisseuren gedreht (so viel ostdeutsche Reminiszenz muss sein), die Gesamtleitung des Projekts lag bei Lutz Pehnert. Das Projekt ist in einer multimedialen Version aufgelegt worden. Porträts dieser 25 Ostdeutschen sind erschienen als eigenständige Texte in der Berliner Zeitung , zusammengefasst im Link-Verlag als Buch und eben auch als, wiederum eigenständige, filmische Porträts im rbb-Fernsehen. Gut anzuschauen, keine vertane Zeit.
rbb, 3. -7. November, jeweils 22.15 – 23.45 Uhr

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