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TV: Verräterkinder. Von Christian Weisenborn

Ihre Väter und Mütter waren mutig und klug. Sie leisteten Widerstand gegen den Nationalsozialismus und wurden ermordet. Ihre Kinder in der nichtswissenwollenden Bundesrepublik wurden schräg angesehen: Verräterkinder eben. Christian Weisenborn erzählt ihre und auch seine Geschichte.

Christian Weisenborn erzählt einen Teil der Geschichte des Widerstands gegen Hitler, den Widerstand der Attentäter vom 17.Juli 1944 und den, weniger bekannt, der so genannten „Roten Kapelle“ – ein Begriff, den die Nazis prägten. Lange Zeit kursierte ein komplett falsches Bild. Es handelte sich keineswegs um die fest gefügte Organisation, als die die Nazis sie sahen. Sie bestand aus mehreren lose verbundenen Gruppen, die Mitglieder waren sich inhaltlich in der Ablehnung des Hitler-Regimes einig. Kommunisten gehörten dazu, Adelige, Katholiken, viele Frauen. Hans und Hilde Coppi, beide aus der Kommunistischen Bewegung gehören zu den bekanntesten Mitgliedern ebenso wie Harro Schulze- Boysen und Arvid und Mildred Harnack, der so genannte Boysen-Harnack-Kreis. Sie kümmerten sich um Verfolgte und informierten auf Flugblättern und Anschlägen frühzeitig von den Verbrechen von SS und Wehrmacht. Die Gruppe umfasste etwa 150 Mitglieder, sie  flog 1942 auf, 65 Todesurteile wurden vollstreckt.

Kernstück des Films sind die Interviews mit den Kindern der Widerstandskämpfer. Hans Coppi jr hat das Leben seiner Eltern als Historiker auch zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht. Alfred von Hofacker erzählt von seinem Vater, Cäsar von Hofacker, der den Aufstand zum 20.Juli in Paris organisierte, einem Mann, der erst Nazi, dann Widerständler war. Christian Weisenborn geht mit für diesen Film mit einigen einer Protagonisten auch an die historischen Stätten, etwa an die Gedenkstätte Plötzensee. Mit Axel Smend und Alfred von Hofacker betreten sie den Saal des ehemaligen Volksgerichtshofs, wo ihre Väter zum Tode verurteilt wurden. Dazwischen montiert der Autor Szenen mit dem hyperventilierenden Richter Roland Freisler – die Bilder zeigen aber vor allem die Würde und die Courage der Angeklagten. „Heute geht es um meinen Kopf. Morgen wird es um ihren Kopf gehen“, sagte Cäsar von Hofacker zu Freisler. Was für ein Mut.

Ein zentrales Thema von Weisenborns Film ist die Indienstnahme des Widerstands im Kalten Krieg. Die DDR nahm zunächst lange die „Rote Kapelle“ überhaupt nicht wahr, deutet sie dann später um zu einer kommunistischen Kundschaftertruppe, die Moskau per Funk mit kriegswichtigen Informationen versorgte. Hans Coppi jr  hat herausgefunden, dass sein Vater nur einen einzigen Test-Funkspruch abgesetzt hat, mit tausend Grüßen an die Freunde.

Eine wichtige Rolle in der Bundesrepublik spielt der Militärrichter Manfred Roeder, der die Todesurteile gegen die Mitglieder der „Roten Kapelle“ verhängt hatte. Nach dem Krieg versuchten Günter Weisenborn, Adolf Grimme und Grete Kuckhoff, ihn vor Gericht zu bringen, aber da stand er schon unter den Fittichen des US-Militärgeheimdienstes CIC. Nicht auf der Anklagebank, im Zeugenstand. Um sich selbst reinzuwaschen, entwickelte er ein Bild der „Roten Kapelle“ als einer von Moskau gesteuerten Truppe von Spionen – und Spione konnten getrost als „Landesverräter“ gebrandmarkt werden. Noch 1968 strickte der „Spiegel“ in einer zehnteiligern Serie an diesem Bild weiter. So sorgte Roeder auch nach dem Krieg noch dafür, dass die Kinder der Widerstandskämpfer gesellschaftlich diffamiert wurden.

Christian Weisenborns Film ist schlank und dicht erzählt und auch sehr persönlich seinen Protagonisten zugewandt. Die Gedanken der „Verräterkinder“, ihre Gefühle, ihre Erfahrungen in der eigenen Biographie stehen im Vordergrund, die Trauer, der anhaltende Schmerz. Sparsam eingesetzte Familienfotos konturieren ihre Väter und Mütter in wenigen Strichen. , so dass man sich ein Bild machen kann. Und im Gedächtnis bleiben die drängenden Fragen der „Verräterkinder“ damals: Was haben Vater und Mutter getan? Warum haben sie sich in solche Gefahr begeben? Wenn Christian Weisenborn jetzt, zum 70. Jahrestag des Attentats vom 17. Juli, davon erzählt, ist das Thema nicht erledigt. Der Autor selbst ist in die Geschichte verwickelt. Sein Vater des Autors, der Schriftsteller Günther Weisenborn, war selbst Mitglied der so genannten „Roten Kapelle“, hatte überlebt und lange für die Rehabilitation der Widerstandskämpfer gekämpft. Aber erst 2009 hob der Bundestag die Todesurteile wegen „Kriegsverrats“ auf.

Schön, dass die ARD sich einen solchen Film ins Programm setzt, natürlich auch ein wenig vorgeprägt durch die Gedenktagskultur – aber wirklich mutig waren sie mit dieser späten Ausstrahlung mal wieder nicht.

 Verräterkinder. Die Töchter und Söhne des Widerstands. Film von Christian Weisenborn. ARD, Mo 14.7.2014, 23.20 – 0.05 Uhr – noch in der Mediathek

 

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