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Im Kino: Von der Beraubung der Zeit. Von Jörn Neumann und Daniel Postrak

Drei Mörder, drei Lebensgeschichten, drei Erzählungen. Ein Film über das Leben im Gefängnis und um den Kampf, sich in dieser Institution zu behaupten. Ein strenger, konzentrierter Blick ins Innere des Gefängnis-Systems.

Kenny Berger, Samuel Conley und Helmut Poschner. Sie sitzen auf lange Zeit im Gefängnis, sie haben anderen Menschen das Leben genommen, sie richten sich ein auf dieses Leben hinter Gittern. Daniel Postrak und Jörn Neumann haben mit ihnen gesprochen. Alle drei Männer können sehr elaboriert sprechen und schreiben. Sie haben im Schreiben einen Weg der Auseinandersetzung mit sich selbst gefunden – im Rahmen des Ingeborg Drewitz Literaturpreises. Die Gespräche drehen sich erst um Alltägliches aus dem Gefängnisleben, um den Tagesablauf, um die Einrichtung der Zelle, um den Blick aus dem Fenster. Sie nähern sich allmählich dem Kern, der Tat und da man bis dahin schon gelernt hat, diesen Männern zuzuhören, merkt man dann auch, wie schwer es ihnen fällt, darüber zu sprechen. Viele Worte und Sätze bleiben abstrakt, mit Sprache kann man sich die Tat auch vom Leibe halten, was keinesfalls bedeutet, dass die Gefangenen ihre Schuld nicht anerkennten. Bis es schließlich in nahezu philosophische Überlegungen mündet über die Zeit, über das Vergehen, über die Wahrnehmung von Zeit in einer Situation, in der man nicht selbst bestimmen kann, was man damit macht. Sinn hat der Begriff Zeit nur in Verbindung mit der Hoffnung, die Strafe einmal abgesessen zu haben und das Gefängnis wieder verlassen zu können.

Der Film mit dem merkwürdig gespreizten Titel „Von der Beraubung der Zeit“ ist ein streng komponierter, sorgsam focussierter Dokumentarfilm. Im Zentrum stehen die Gespräche mit den drei Männern in ihren Zellen – sie sitzen in jeweils anderen Gefängnissen. Keine anderen Gesprächspartner, nicht aus den Familien, nicht aus der Gefängnisverwaltung, keine Psychologen, keine Wärter. Und kein Kommentar, der uns sagt, was wir zu denken haben. Die Autoren spielen mit dem Gegensatz von drinnen und draußen. Immer wieder mal umkreist die Kamera die Gefängnismauer, wir sehen Bilder von einer Baustelle und es dauert einige Zeit, bis man begreift, dass hier ein neues Gefängnis gebaut wird. Das Draußen kann wieder für einige Menschen zum Drinnen werden.

Gerade die strenge Form, die auch keinerlei Einfühlung erlaubt, macht den Film kühl, intellektuell und eindringlich. Natürlich spielen auch die Leerstellen in diesem Arrangement eine Rolle, das, was in den Gesprächen nicht ausgesprochen wird, wenn es um Liebe und Sexualität geht, um Sehnsüchte, um Träume. Die Autoren und die Kamera haken da auch nicht nach. Sie machen sichtbar, was die Protagonisten sichtbar machen wollen, sie wollen nicht ungehörig eindringen, vermeiden jeden voyeuristischen Blick. Dabei erleichtert den Autoren natürlich der Umstand ihre filmische Arbeit, dass alle drei Protagonisten sehr redefähig sind, ausdrucksstark und flexibel. Dass sie selbst auch ein Interesse daran haben werden, in dem Film so wahrgenommen zu werden, versteht sich von selbst.

„Von der Beraubung der Zeit“ ist ab dem 3.7. in den Kinos

 

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