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Im Kino: Art’s Home is my Kassel

Der Film mit dem neckisch-wortspielerischen Titel befasst sich mit der documenta 13 von 2012 und mit den Auswirkungen des Kunst-Events auf das Leben in der Stadt. Jedenfalls teilweise. Natürlich ein wenig auch mit der Kunst, die da ausgestellt wird oder sich ausstellt.

Hoffnung, Rückzug, Bühne, Belagerungszustand – das sind Begriffe, die die Leiterin der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, vor der Eröffnung als Leitmotive vermittelt, etwas vage, eigentlich vertritt sie ein Konzept der Konzeptlosigkeit. Die beiden Filmemacherinnen greifen diese Stichworte auf, nutzen sie als eine Art Ortsmarke. Vor allem aber halten sie sich an die Chronologie: Vor der documenta, während der documenta, Schluss nach 100 Tagen, Rückbau des Events. Das erste und das letzte Wort hat die Taxifahrerin Jutta Rudolph. Erst is nix los in Kassel, sie fährt Freitagsabends durch menschenleere Straßen und sucht Fahrgäste. Und danach: Jetzt kehrt Ruhe ein und für die Taxifahrer die Hoffnung auf die eine oder andere Messe. Zu ruhig darf es für sie auch nicht sein. Dazwischen hat sie manchmal guten Grund, sich über ihre Fahrgäste zu wundern.

„Arts home is my Kassel“ ist ein leichtgängiger,durchaus auch witziger Film darüber, was die documenta, wenn sie denn alle fünf Jahre in die Stadt einfällt, aus Kassel macht. Ein Film über einen Ausnahmezustand und, wie es sich für einen Dokumentarfilm gehört, mit einem Blick hinter die Kulissen. Da ist nicht nur die Taxifahrerin, sondern auch der Architekt, der die verschiedenen Ausstellungsstätten aufbaut. Eine Hauptfigur ist die chinesische Kunststudentin Rui Yin, die in den 100 Tagen 180 Führungen übernimmt, eine junge, sehr selbstbewusste Frau, nicht belehrend, eher am Diskurs interessiert. Auch rund um das Fridericianum, das Hauptausstellungsgebäude, ist einiges los. Occupy-Demonstranten nutzen die Chance zur Publizität und campieren auf der Wiese – am Ende werden sie einige Tage früher wieder abziehen, das öffentliche Interesse ist weg. Daneben parken Kunststudenten mit Plastikzelten eine Kunstaktion – Kunst und Realität fließen ineinander. Ein amerikanischer Aktionskünstler hat auch ein Zelt aufgebaut mit der Aufschrift, die zeitgenössische Kunst sei immer zu spät dran – irgendwann muss er seinen Platz räumen.

Eigentlich handelt es sich nicht um einen Film über die Kunst auf der documenta 13, sondern um einen Film über die Reflexe auf die Kunst. Die Autoren begleiten ein Ehepaar aus Kassel bei ihren Streifzügen durch die documenta-Schauplätze. Während er manchmal etwas verständnislos schaut, ist sie fest entschlossen, sich mit der Kunst zu befassen und das, was sie sieht, auch anzunehmen. Bei der Installation Momentary Monument IV von Lara Favaretto, einem großen, lang gestreckten Haufen Eisenschrott, gelingt ihr, während ihr Mann etwas von unterschiedlichen Materialien vor sich hinmurmelt, eine umwerfende Einsicht. Es sei doch kurios: das sei vorher Schrott gewesen, jetzt Kunst, danach wieder Schrott. Kann man so sehen, der Film hilft einem da nicht wirklich weiter. Er besucht sozusagen die Kunstwerke, befasst sich aber nicht wirklich mit ihnen. Dabei ist es durchaus ein Problem, dass es sich bei den meisten Arbeiten um Installationen handelt, kaum ein Tafelbild dabei. Selbst Videoinstallationen sind dreidimensional und sollen sich dem Besucher erschließen, wenn er sich mittendrin aufhält – aber grade das aber schaffen die Autoren nicht.

Dennoch lernen die Zuschauer auf diesen Streifzügen die eine oder andere künstlerische Arbeit kennen, wenn auch nicht von ihrem Kern, sondern von den Randzonen aus. „The weight of uncertainty“ von Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg, einem großen Stahlwürfel auf der Wiese, haben Protestierer aus welchen Gründen auch immer, mit Farbe übergossen; ein Polizist nimmt mit ernstem Gesicht das Vergehen auf. Zuschauer laufen zusammen. Der Würfel wird wieder gereinigt, das könnte eigentlich genauso gut ein Kunst-Event sein; manche Zuschauer scheinen das auch so aufzufassen. Am Ende räsonniert eine documenta-Mitarbeiterin darüber, ob man einem Kunstwerk die öffentliche Behandlung nicht solle ansehen dürfen. Der amerikanische Künstler Sam Durant, der im Park unter dem Titel „Scaffold“ eine große hölzerne begehbare Installation mit mehreren Galgen aufgebaut hat, muss sich der Frage stellen, ob seine Arbeit gegen die Todesstrafe nicht in den USA mehr Sinn mache. Und da gibt es dann, mitten im leichtfüssigen Flanieren, einen sehr ernsten Moment. Im Gespräch erwähnt Rui Yin, dass ihr Vater in China beim Obersten Gericht arbeite und ein Befürworter der Todesstrafe sei.

 

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